Lernen

Frankfurt , Deutschland

Ein Stipendium für die ganze Familie

Stiftung Polytechnische Gesellschaft

March 29, 2012

Ein Stipendium, das Migranten zu mehr Erfolg in der Schule verhelfen soll, ermöglicht der ganzen Familie einen besseren Zugang zur Mitte der Gesellschaft

Für den Vorstandsvorsitzenden der Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Dr. Roland Kaehlbrandt, ist „die Schaffung einer Kultur des Respekts und der Anerkennung“ der Schlüssel, Schüler mit Migrantenhintergrund dabei zu unterstützen, ihr schulisches Leistungspotenzial auszuschöpfen. Für die Stiftung heißt das, weniger Zeit dafür zu verwenden, Neuankömmlinge aufzufordern, sich zu „integrieren“, und stattdessen mehr Zeit Bemühungen zu widmen, sie zur Teilnahme an der Gesellschaft einzuladen.
Dr. Kaehlbrandts Arbeit mit Migrantenkindern in der fünftgrößten Stadt Deutschlands hat ihn gelehrt, dass viele der Institutionen, die wir für selbstverständlich halten, für diejenigen, die nicht in das System integriert sind, gewaltige kulturelle Barrieren sein können. Im Schulsystem beispielsweise können Kinder diese Barrieren sowohl im Unterricht als auch außerhalb der Klasse spüren.

Um den Kindern im Unterricht zu helfen, beschloss die Stiftung, ihr Augenmerk außerhalb des stark strukturierten deutschen Bildungssystems auf die Eltern vor der Klassentür zu richten.

In der Anfangsphase

Das deutsche Schulsystem beginnt offiziell mit der ersten Klasse, zum mythischen Zeitpunkt, „wenn die Vernunft eintritt“. Zu diesem Zeitpunkt hat das durchschnittliche sechsjährige Kind vermutlich den Kindergarten durchlaufen, viele Kinder jedoch nicht. Im heutigen Deutschland spricht eine ständig wachsende Zahl von Kindern, die eingeschult werden, zu diesem Zeitpunkt auch zum ersten Mal Deutsch. Ungefähr 50 Prozent der Frankfurter Schüler (und 79 Prozent der Kinder unter drei Jahren) kommen aus Familien mit Migrationshintergrund.
Zu Beginn der fünften Klasse (im Alter von zehn Jahren) wechseln die Schüler nochmals die Schule und werden in eine von fünf verschiedenen weiterführende Schulen geschickt. Diesmal wird es von der Wahl der Schulform und vom Lehrplan abhängen, welchen Schulabschluss Schüler erlangen und welche Optionen sie nach dem Abschluss der weiterführenden Schule haben. Für Kinder, bei denen Deutsch nicht die Muttersprache ist, kann dieser Übergang schwierig sein, insbesondere, wenn die Eltern nicht verstehen, wie das Bildungssystem funktioniert.

Im Jahre 2007 wandte sich der Direktor einer Schule vor Ort hilfesuchend an die Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft: Wie kann man Migrantenkindern und ihren Familien helfen, diesen wichtigen Schritt innerhalb des Bildungssystems zu meistern?

Eine besondere Art Stipendium

Da die Stiftung Polytechnische Gesellschaft bereits wegen der Stipendien, die sie vergab, bekannt war, schien die Antwort naheliegend. Diesmal jedoch suchte die Stiftung über das Übliche hinaus nach einer strukturierteren Form der Unterstützung, die den Schülern zu Erfolgen verhelfen sollte, indem auch ihre gesamte Familie mit einbezogen wurde. Das Ergebnis ist das Diesterweg-Stipendium, so benannt zu Ehren des Bildungsreformers aus dem frühen 19. Jahrhundert, Adolph Diesterweg.
„Wir beschlossen daher, ein Familienstipendium zu vergeben, bei dem jedes Familienmitglied in das Stipendium einbezogen, eine Urkunde erhalten und an dem gesamten Programm beteiligt werden sollte“, erläuterte Dr. Kaehlbrandt. „Auf diese Weise wird sich die Familie gestärkt fühlen und stolz darauf sein, Teil der Gemeinschaft zu sein.“
Mit dem Diesterweg-Stipendium wurde 2008 begonnen. Es handelt sich um ein zweijähriges Vorbereitungsprogramm, das während der vierten und fünften Klasse durchgeführt wird. Lehrer der vierten Klasse empfehlen Schüler und ihre Familien, die daran teilnehmen sollten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf denjenigen Schülern, die hohes Potenzial für schulischen Erfolg aufweisen, jedoch eventuell zusätzliche Unterstützung benötigen, weil sie die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen oder weil ihre Eltern das Schulsystem nicht verstehen.
Die erste Stipendiatengruppe umfasste 22 Schüler aus 21 Familien im gesamten Stadtgebiet. Das Stipendium bietet unter anderem zusätzlichen Unterricht in Deutsch und anderen Lehrfächern und Geld für Schulmaterial. Damit jedoch eine verlässliche Unterstützung sowohl im Unterricht als auch zu Hause für die Schüler mit Migrationshintergrund gewährleistet ist, bietet das Programm auch Exkursionen für die ganze Familie an sowie Unterstützung für Eltern bei Treffen von Eltern und Lehrern an der Schule. Die Eltern haben sogar ihren eigenen Unterricht – die „Elterntreffs“ –, wo neben anderen Themen auch die Besonderheiten des deutschen Bildungssystems diskutiert werden.
In den Sommerferien zwischen Klasse vier und fünf nehmen die Schüler auch am „DeutschSommer“ teil, einer dreiwöchigen Sommerschule, bei der der Schwerpunkt auf dem Deutschunterricht liegt. Die Kinder kommen aus einem ganz unterschiedlichen familiären Umfeld, unter anderem aus Pakistan, Afghanistan, der Türkei, Äthiopien, Bosnien und Litauen.

Das Projekt wird auch vom Hessischen Kultusministerium, dem Hessischen Ministerium der Justiz, für Integration und Europa, dem Dezernat II – Bildung und Frauen – der Stadt Frankfurt, dem Amt für Multikulturelle Angelegenheiten und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft unterstützt.

Integrationssymbole

Auch wenn der Schwerpunkt des Diesterweg-Stipendiums vor allem auf dem Bildungserfolg der durch das Programm geförderten Kinder liegt, ist den Programminitiatoren klar, dass die Verbesserung der Integrationschancen in die deutsche Gesellschaft für die beteiligten Familien genauso wichtig ist.
„Das Hauptproblem dieser Familien ist der fehlende Zugang zu den umfassenden Angeboten, die wir in einer Stadt wie Frankfurt haben“, sagte Dr. Kaehlbrandt.
Als Familienexkursionen im Rahmen des Lehrplans werden beispielsweise Besuche der öffentlichen Bibliothek oder des Landtags des Bundeslands angeboten.
Stolz und Zugehörigkeitsgefühl zu erzeugen, ist zu einem wichtigen Teil des Projekts geworden. Die Stiftung veranstaltet zu Beginn des Programms eine förmliche Einführungsfeier für die Familien, an der auch Ehrengäste aus der Stadt und den Bundesländern teilnehmen. Am Ende der zwei Jahre erhalten alle Teilnehmer eine offizielle Urkunde, die ihnen die Teilnahme am Diesterweg-Stipendium bescheinigt.
„Für eine 36-jährige afghanische Mutter, die aus Pakistan kommt und eine Urkunde erhalten hat“, sagte Dr. Kaehlbrandt, „[bedeutet diese Urkunde,] dass sie als Bürgerin der Stadt Frankfurt eine Stipendiatin einer privaten Stiftung ist.“
„Wir wollen, dass diese Menschen Bürger unserer Stadt sind. Wir wollen, dass sie Bürger unserer Demokratie werden.“

Erfolg

Die Schüler der ersten Stipendiatengruppe waren nicht nur in der Lage, den Übergang in die weiterführende Schule erfolgreich zu meistern. Die Diesterweg-Stipendiaten nehmen mit Enthusiasmus teil und bekommen mehr Selbstbewusstsein. Das Europäische Forum für Migrationsstudien machte die Beobachtung, dass Schüler, die an dem Stipendiatenprogramm teilnahmen, in der Lage waren, weiterführende Schulen mit höherem Niveau zu besuchen, und sich dort wohlfühlten. Gleichzeitig verstanden die Eltern das Schulsystem besser und hatten mehr Selbstvertrauen beim Umgang mit Lehrern.
Eltern berichteten auch von einem stärkeren Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft. Bei einer Exkursion zum Hessischen Landtag sagte ein Vater aus Eritrea: „Erst jetzt fühle ich mich als Hesse.“
„In Momenten wie diesem sind die erfolgreiche Integration dieser Familien und die unmittelbaren Auswirkungen des Diesterweg-Stipendiums ganz besonders spürbar“, sagte Programmdirektorin Gisela von Auer. „Fast alle Familien bestätigten, dass sie sich in Deutschland nach zwei Jahren Stipendium mehr akzeptiert und mehr zu Hause fühlen.“
Inzwischen wird das Projekt auch vom Hessischen Kultusministerium, dem Hessischen Ministerium der Justiz, für Integration und Europa, dem Dezernat II – Bildung und Frauen – der Stadt Frankfurt, dem Amt für Multikulturelle Angelegenheiten und dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft unterstützt.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Wenn Sie gute Dienstleistungen für die Gemeinschaft erbringen möchten, sollten Sie mit Untersuchungen beginnen.
  • Eine genaue Überprüfung der Stadtteile und Schulen wird Ihnen dabei helfen,  spezielle Zielgruppen gezielt auszuwählen, und die gewonnenen Informationen können in die Entwicklung von Lehrplänen für Kinder und auch Erwachsene einfließen.
  • Insbesondere in den Frühstadien des Projekts ist es äußerst wichtig, Vertrauen bei allen Beteiligten (Eltern, Schüler, Lehrer) zu schaffen. Dies bedeutet:
    • engen persönlichen Kontakt zu den Familien
    • die Zusammenarbeit zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen sowie mit lokalen Institutionen (im Bereich Bildung, Kultur und Wissenschaft) zu fördern.
  • Machen Sie das Programm und seine Aktivitäten für die Erwachsenen attraktiv, um ihr Interesse zu wecken und sie stärker zu beteiligen.
  • Gewährleisten Sie, dass das Engagement und die Professionalität jedes Einzelnen, der an dem Projekt mitwirkt, ein möglichst hohes Niveau erreichen.
  • Warten Sie nicht auf perfekte Bedingungen. Fangen Sie einfach an!

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Kontakt:

Gisela Von Auer, Diesterweg-Stipendium, Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main
Untermainanlage 5
Frankfurt,
60329
Tel: 069 789 889-25
vonauer@sptg.de
http://www.sptg.de/english.aspx



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