Verbinden

Badalona, Spanien

Eine Parade für das Stadtviertel

UNESCOCAT

October 13, 2011

Ein kultureller Umzug bringt Nachbarn zusammen

Vicente Camposo

Als die kleine Sikh-Gemeinschaft von Badalona zum ersten Mal die Genehmigung zur Durchführung einer religiösen Prozession durch die Straßen um ihren Tempel beantragte, lehnte der örtliche Stadtrat dies ab.

Als Begründung wurde angegeben: „Die Zeit ist zu kurz, um die Nachbarn zu informieren und vorzubereiten.“

Der Sikh-Tempel in Badalona bestand bereits seit einem Jahrzehnt, aber die Gemeinschaft und ihre Führung waren Außenseiter geblieben. Es gab kaum Kontakte zu Anwohnern. Die Mitglieder der örtlichen Nachbarschaftsvereinigung, von denen viele bereits älter waren und ursprünglich aus anderen Teilen Spaniens stammten, standen Zuwanderern im Allgemeinen und erst recht dieser „neuen“ religiösen Minderheit sogar misstrauisch gegenüber.

Badalona liegt unweit von Barcelona und hat 220.000 Einwohner. In den letzten Jahren verzeichnete die Stadt zunehmende Vielfalt, aber auch steigende Arbeitslosigkeit in den Arbeitervierteln, in denen sich auch die Mitglieder der zehn Jahre alten Sikh-Gemeinschaft niedergelassen haben. Die meisten Männer der Sikh-Gemeinschaft sind Bauarbeiter, die in Badalona oder im nahegelegenen Barcelona arbeiten. In den meisten Familien bleiben die Frauen zu Hause. Sowohl Männer als auch Frauen sprechen die vor Ort verwendeten Sprachen Katalanisch und Spanisch nur schlecht.

Das alles ähnelt der typischen Situation neuer Zuwanderer. Es gab jedoch einen Unterschied: den Tempel mit einer Kapazität für 300 Gläubige inmitten der Gemeinschaft der Neuankömmlinge. Er war nicht nur eine neue Einrichtung in dem Stadtviertel, sondern zog schon bald neue Mitglieder aus Sikh-Gemeinschaften in Barcelona und dem Umland der Metropole an.

Die Nachbarn vorbereiten

Ende 2009 versuchte es die Sikh-Gemeinschaft erneut. Sie ersuchte beim Amt für Einwohnerwesen und Zusammenleben um eine Genehmigung für die Durchführung ihrer religiösen Prozession. Diesmal gab der Stadt seine Zustimmung, knüpfte daran jedoch die Bedingung, dass die Gemeinschaft gemeinsam mit der örtlichen Nachbarschaftsvereinigung „die Nachbarn vorbereiten“ müsste.

Obwohl der Tempel und das Büro der Nachbarschaftsvereinigung nahe beieinander lagen (nur ein paar Haustüren voneinander entfernt), hatten die beiden Gruppen nie Kontakt miteinander gehabt. Im Gegenteil: Als die Sikh-Gemeinschaft ihr Gebetshaus in dem Viertel ansiedelte, hatte sich die Polizei an die Nachbarschaftsvereinigung gewandt, um Informationen über sie einzuholen, was das Misstrauen der Einheimischen gegenüber den Neuankömmlingen nur steigerte. Weil es jedoch weder Konflikte noch Kontakte gab, war im Lauf der Zeit an die Stelle von Misstrauen Desinteresse getreten.

Um diesen Mangel an Kommunikation wettzumachen, beschloss die Stadtverwaltung, einen formellen Prozess einzuleiten, um Brücken zwischen den beiden Gemeinschaften zu schlagen. Das UNESCO-Zentrum in Katalonien (UNESCOCAT), eine lokale Einrichtung zur Förderung von Vielfalt, hatte im Rahmen seiner Aktivitäten für einen interreligiösen Dialog bereits eine Beziehung zu der Sikh-Gemeinschaft aufgebaut. Es wurde nun gebeten, sich einzuschalten.

Die Zielsetzung war klar: eine Beziehung gegenseitigen Vertrauens herzustellen und die Unterstützung der Führung der Nachbarschaftsvereinigung für die Prozession zu gewinnen.

Durch Vermittlung vorankommen

Vicente Camposo

Es gab ein paar gute Voraussetzungen für den Vermittlungsprozess. Aufgrund der Beziehung zwischen UNESCOCAT und der Führung der Sikh-Gemeinschaft standen die Sikhs dem Dialogprozess vertrauensvoll gegenüber; die Beteiligung des Stadtrats von Badalona legitimierte den Prozess; und die beiden Gruppen hatten nie im Streit miteinander gestanden.

Die erste Phase begann mit einer Reihe von Treffen, die dazu dienen sollten, das Gespräch in Gang zu bringen. Vertreter von UNESCOCAT und des Amts für Einwohnerwesen und Zusammenleben kamen mit der Führung der Sikhs zusammen, um Informationen über deren Religion zu erhalten und in Erfahrung zu bringen, warum die Straßenprozession kulturell wichtig war. Dies mündete in eine öffentliche Sitzung der Nachbarschaftsvereinigung, auf der die Führung der Sikhs über ihre Religion Auskunft gab und Fragen zu einer Reihe kultureller Aspekte beantwortete (unter anderem zur Rolle der Frau, einem Anliegen der Nachbarschaftsvereinigung). Die Veranstaltung war ein Erfolg, und sogar ein lokaler Fernsehsender berichtete darüber.

Noch wichtiger war jedoch, dass sie in eine strategische Entscheidung mündete. Die Sikh-Gemeinschaft und die Nachbarschaftsvereinigung stellten einen gemeinsamen Antrag auf Genehmigung der Straßenprozession an den Stadtrat von Badalona. Außerdem beantragten sie die Genehmigung eines Umzugs und nicht einer religiösen Veranstaltung für den Fall, dass der Rat ihn gegen Widerstand aus der Politik oder dem Stadtviertel verteidigen musste. Angesichts dieser Absicherung genehmigte der Rat den Antrag.

Beim weiteren Vorgehen war es wichtig, die örtliche Gemeinschaft an der Organisation der Parade selbst zu beteiligen. Die Führung der Nachbarschaftsvereinigung wurde eingeladen, an der Prozession teilzunehmen. Sie nahm die Einladung an und wurde bei dem Umzug von einem jugendlichen Sikh begleitet. Informationsbroschüren, in denen das Fest erläutert wurde, wurden ausgearbeitet und verteilt. Die Parade endete mit einer formellen Danksagung an die Nachbarn sowie an die Vermittler und Politiker, die auch eingeladen wurden, Ansprachen zu halten.

Erfolg

Die Parade, zu der Sikhs aus ganz Katalonien kamen, war ein großer Erfolg. Ungefähr 1.000 Mitglieder der Sikh-Gemeinschaften nahmen an der Prozession teil. Viele von ihnen trugen als Zeichen des Glaubens zeremonielle Dolche. Viele Einheimische waren von der großen Zahl der Teilnehmer überrascht, ließen sich aber rasch durch die Sikh-Tradition gewinnen, allen Anwesenden als Zeichen des Willkommens Speisen zu reichen. Viele Politiker und Vertreter der Verwaltung waren zugegen, darunter auch solche, die ursprünglich gegen die Parade gewesen waren.

2011 veranstaltete die Sikh-Gemeinschaft erneut einen Umzug durch das Viertel.

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