Arbeiten

Kopenhagen , Dänemark

Erwerbstätige Zuwanderinnen: das Mentorinnennetzwerk von KVINFO

KVINFO

March 14, 2012

Mentoring gegen Anderssein

Beziehungen sind das Fundament von persönlichem und beruflichem Erfolg, und für neu Zugewanderte ist es häufig schwierig, die Menschen und Netzwerke zu finden, die Fragen beantworten sowie Türen zu Beschäftigungsmöglichkeiten und zu Kontakten mit der breiten Bevölkerung öffnen können.

In Kopenhagen hat das Dänische Zentrum für Informationen zu Frauen und Gender oder KVINFO ein einzigartiges Mentoring-Programm zur Bekämpfung beruflicher und sozialer Isolation von Zuwanderinnen ausgearbeitet.

Das Mentoring-Programm gilt als eines der größten seiner Art, und seine Anfänge lassen sich bis in die Zeit zurückverfolgen, als die Leiterin von KVINFO, Elisabeth Møller Jensen, eine Vision von Dänemark als „einem einzigen großen Arbeitsplatz und Netzwerk berufstätiger Frauen“ entwickelte. 2003 schrieb sie persönlich mehr als 300 selbstständige Frauen aus allen Branchen an und lud sie zur Mitwirkung bei einem neuen Mentoring-Programm ein. Damals war die Idee, Flüchtlingsfrauen und Zuwanderinnen mit einheimischen berufstätigen Däninnen zusammenzubringen, mehr oder weniger experimenteller Natur, weil allgemein davon ausgegangen wurde, dass die Betreffenden wenig gemeinsam und wenig Alltagskontakte miteinander hatten sowie dass sie wenig Interesse hatten, eine Beziehung zueinander aufzubauen und zu pflegen.

Heute nehmen an dem Programm 4.000 Frauen teil, und es wächst weiter.

Der Erfolg von KVINFO lässt sich zu einem großen Teil auf das inklusive feministische Leitbild der Organisation und auf ihre Bereitschaft zurückführen, mit einem neuen Ansatz zur Integration von Zuwanderinnen in die dänische Gesellschaft zu experimentieren. Der rasche Erfolg ihres Mentoring-Programms ist jedoch auch das Ergebnis guter Forschung und eines praxisbezogenen Ansatzes zur Programmgestaltung. KVINFO orientierte sich für ihr Mentoring-Programm an einem bereits bestehenden Programm für qualifizierte Zuwanderer in Toronto und passte dieses in Abstimmung mit Personalexpertinnen aus Unternehmen an.

Das Mentorinnennetzwerk

KVINFO gelangte zu der Erkenntnis, dass Netzwerke eine Voraussetzung für bessere berufliche Aufstiegschancen sind. Schätzungen zufolge werden mehr als 50 Prozent aller freien Stellen in Dänemark über persönliche Netzwerke vergeben. Durch dieses Programm erhalten die mentorierten Frauen Zugang zu den beruflichen Netzwerken ihrer Mentorinnen, profitieren aber auch ganz allgemein von deren Berufserfahrung.

Beim Mentoring-Programm von KVINFO werden Flüchtlingsfrauen und Zuwanderinnen mit fest etablierten weiblichen Mitgliedern der dänischen Gesellschaft zusammengebracht. Die Auswahl potenzieller Paare erfolgt auf der Grundlage der Bildung sowie der beruflichen und persönlichen Wünsche der „Mentees“.

KVINFO fördert dann eine Beziehung zwischen einer Mentorin und ihrem Schützling auf der Grundlage einer modifizierten Version der Beziehungen, wie sie im Privatsektor in den Vereinigten Staaten üblich sind. Der Ansatz von KVINFO steht jedoch fest auf dem Fundament der feministischen Werte von gegenseitiger Anerkennung, flacher interpersoneller Machtstrukturen sowie einer rigorosen Verpflichtung zu Offenheit und Inklusion, in denen sich die historische Entwicklung der Organisation widerspiegelt.

Die Mentorin und ihr Schützling treffen sich ungefähr einmal pro Monat. Zusammen arbeiten sie einen Vertrag aus und legen konkrete Ziele fest, die innerhalb eines festen Zeitraums zwischen sechs und zwölf Monaten erreicht werden sollen. Die Mitarbeiterinnen von KVINFO verfolgen die Fortschritte der Beziehung vor dem Hintergrund der im Vertrag formulierten Ziele und schreiten bei Bedarf ein, um Unterstützung oder ergänzende Ressourcen anzubieten.

Diese personalisierte Unterstützung kann besser zum Übergang der mentorierten Frauen in die Arbeitswelt beitragen. Zusätzlich zu den monatlichen Treffen, die Mentorinnen und Mentees miteinander vereinbaren, bietet das Netzwerk Zusammenkünfte im größeren Rahmen und Seminare an.

Die KVINFO-Mitarbeiterin Beatriz Hernández formulierte es so: „Wenn man das Konzept des ‚Andersseins‘ aus der Gleichung herausnimmt, ist das für alle vorteilhaft.“

Auf den Nutzen von Beziehungen setzen

KVINFO erweitert seine Tätigkeit auch über die allgemeine Vermittlung von Mentorinnen hinaus, und zwar in Form eines speziellen Projekts zur Förderung von mehr politischer Teilhabe für Zuwanderinnen und Däninnen, die einer ethnischen Minderheit angehören. Diese zusätzliche Aktivität ist Teil eines Sonderprojekts zur Feier von 100 Jahren Wahlrecht für Frauen in Dänemark.

In Kopenhagen gehören zehn Prozent der Einwohnerinnen einer ethnischen Minderheit an. Bei den gewählten Kommunalvertretern ist das Verhältnis jedoch lediglich 1:55. Ferner entstammen nur zwei von 179 gewählten Abgeordneten im Folketinget, dem dänischen Parlament, einer ethnischen Minderheit.

Dieses Mentoring-Projekt zielt darauf ab, bis zu den Kommunalwahlen im November 2009 die politische Teilhabe zu verbessern sowie die Beziehungen zwischen gewählten Politikern und einer ethnischen Minderheit angehörenden Frauen zu stärken.

Die Mentorinnen verfügen über Wissen und Erfahrung, was politische Aktivitäten betrifft, und die mentorierten Frauen wünschen entweder einen besseren Einblick in die politische Arbeit oder sind bereits politisch engagiert.

In ähnlicher Weise begann KVINFO 2007 ein anderes, gemeinsam mit dem Mentorinnennetzwerk durchgeführtes Projekt mit der Bezeichnung „Rollenmodelle durch Lebensgeschichte“. Die nationale Kampagne stellt Rollenmodelle in der dänischen Gesellschaft vor, und besteht aus einer Ausstellung, die sich gezielt an einer ethnischen Minderheit angehörende Frauen in Dänemark wendet. Sie präsentiert die Lebensgeschichten von 17 nicht aus westlichen Ländern stammenden Zuwanderinnen und ihre Erfahrungen in Dänemark und soll dazu dienen, andere Frauen anzuregen, weiterhin gemeinsam mit der dänischen Gesellschaft auf die Verwirklichung ihrer Ziele hinzuarbeiten.

Erfolg

KVINFO wurde 1965 gegründet. Die Aktivitäten der Organisation begannen mit ihrer Forschungsbibliothek, die mehr als 20.000 Bücher, Zeitschriften und politische Veröffentlichungen zu Chancengleichheit und Frauenfragen umfasst. Das Gründungsjahr 1965 war auch das Jahr, in dem ein Parlamentsausschuss zur Untersuchung der Rolle von Frauen in der modernen Gesellschaft mit der Aufgabe eingerichtet wurde, neue Rechtsvorschriften zur Geschlechtergleichstellung vorzuschlagen.

Mit dem Mentorinnennetzwerk schafft KVINFO neuen kulturenübergreifenden wirtschaftlichen Mehrwert.

Derzeit verfügt das Mentorinnennetzwerk über vier Hauptbüros und war Anstoß für andere Netzwerke sowohl innerhalb Dänemarks als auch in den norwegischen Städten Oslo und Trondheim.

Das Programm wurde vom Ministerium für Flüchtlingszuwanderung und Integrationsangelegenheiten mit dem Integrationspreis für den öffentlichen Arbeitsmarkt sowie einem Preis einer dänischen Frauenzeitschrift im Jahr 2004 ausgezeichnet und wurde von der OECD als eine positive Integrationsinitiative gewürdigt.

Im September 2009 startete KVINFO eine Kampagne, die sich an Geschäftsinhaber mit Migrationshintergrund richtete. Die Kampagne fordert diese Unternehmer auf, durch eine Sponsorentätigkeit oder kleine Spenden das Mentorinnennetzwerk zu unterstützen; ein strategisches Ziel ist aber auch, mehr öffentliche Unterstützung für die Erwerbsbeteiligung von Zuwanderinnen zu gewinnen. Die Kampagne bietet eine einzigartige Gelegenheit für die Zusammenarbeit zwischen einer etablierten kulturellen Institution und Minderheiten angehörenden Geschäftsinhabern. Die Spenden tragen zur Finanzierung der Aktivitäten des Mentorinnennetzwerks bei, zu denen auch die Konferenz „Mentoring und Vernetzung: Frauen schaffen Vertrauen und Sozialkapital in unseren Großstädten“ im November 2009 zählte.

This Good Idea was identified by the Open Society Foundations’ At Home in Europe project as a good practice promoting inclusion, social cohesion and nondiscrimination. For more on this practice and the At Home in Europe project, read Living Together: Projects Promoting Inclusion in 11 EU Cities (OSF, 2011)

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Mentoring ist eine wichtige Entwicklungschance für Neuankömmlinge, neue Mitarbeiter und vorhandenes Personal. Was unternimmt Ihre Organisation in diesem Bereich?
  • Man braucht keine Fachkraft zu sein, um am Arbeitsplatz oder in der Gemeinschaft als Mentor tätig zu werden. Mentoring verbessert die Sprach- und Kommunikationskompetenz, stößt einen interkulturellen Dialog an und hilft, ein Zugehörigkeitsgefühl zu vermitteln.
  • Nutzen Sie bestehende Modelle für gute Praxis entsprechend den speziellen Interessen und Zielen Ihrer Organisation und passen Sie sie an.
  • Mentoring-Beziehungen kommen die Informalität des offenen Informationsaustauschs und die Disziplin klarer Inhalte und Ziele zugute.

Themes: Arbeiten, Mentoring


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