Verbinden

Paris , Frankreich

Geschichten über Zugehörigkeit

Manifesta und Runnymede Trust

March 14, 2012

Junge Menschen nutzen das Medium Film, um Identität und Zugehörigkeit auszudrücken.

copyright © Manifesta, 2008

Mit den in Stein gemeißelten Tropenszenen auf der Art-déco-Fassade und den kolonialen Ursprüngen könnte das Gebäude der Cité Nationale de l’Histoire de l’Immigration in Paris eine diskutierbare (oder ironische) Wahl für das nationale Museum für die Geschichte der Zuwanderung sein.

Innen jedoch ist nichts historisch an der lebendigen Gestik und dem regen Austausch junger Erwachsener, die mit Hilfe von Simultandolmetschern versuchen, auf Englisch, Französisch oder Portugiesisch miteinander zurechtzukommen. Bei der Diskussion geht es um Themen wie Stadterneuerung, Räume zu finden, um „abzuhängen“, und die Beziehungen zwischen der Gemeinschaft und der Polizei bis zu Plänen für die Zukunft.

Das Motto? Was bedeutet „Zugehörigkeit“?

Dies ist die zentrale Frage, die Jugendlichen in Paris, Lissabon und London gestellt wird, die an einem neuen transnationalen Drei-Städte-Projekt teilnehmen, um im interkulturellen Dialog und unter Verwendung des Mediums Film zur Dokumentierung ihrer Einsichten herauszufinden, was Zugehörigkeit zu einem Ort oder einer Gemeinschaft bedeutet.

Das Zugehörigkeitsprojekt

Das Projekt BELONGING („Zugehörigkeit“) lud junge Menschen ein, darüber zu reden, was Zugehörigkeit und Identität für sie bedeutet, insbesondere wenn sie mit unterschiedlichen Identitäten (beispielsweise Tochter, Pariserin, Muslimin, Freundin, Französin) klar kommen müssen und man sich mehr als einem Ort (Frankreich, Portugal) „zugehörig“ fühlen kann.

Unter dem (dreisprachigen) Projekttitel Belonging / Chez Nous / Pertencer produzierten die Teilnehmer in Kleingruppen mit kreativen Videokünstlern und Filmemachern Kurzfilme (von maximal drei Minuten Länge) zu vielfältigen Themen.

Das Einzigartige an dem Projekt ist sein interurbaner Blickwinkel. Junge Filmmacher aus drei Städten nehmen daran teil: Jugendliche mit gemischtem kulturellem Hintergrund aus benachteiligten Vierteln der Städte London (Newham), Lissabon (Casal da Boba) und Paris (20. Bezirk), die ihre eigenen Städte filmen und dann zusammenkommen, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen und darüber zu diskutieren.

Die resultierenden 43 Kurzfilme bieten Einblicke in die Gedanken, Wünsche und Sorgen junger Migranten in Städten und ihre Ansichten zum Thema „Zugehörigkeit“.

Das Resultat ist ein Bild von jungen Menschen, deren Erfahrungen in allen drei Städten gleichzeitig ähnlich und unterschiedlich sind. Sie waren alle äußerst glücklich, jung zu sein, ob Bewohner von Paris, Lissabon oder London, und auch Personen, die innerhalb ihrer speziellen Gemeinschaft oder an ihren ureigenen Orten fließend von einer Identität zu einer anderen wechselten.

Interkulturelle Zusammenkunft

Als Orte für die Durchführung der Workshops wurden das Viertel Cité des Amandiers im 20. Bezirk von Paris, der Londoner Stadtbezirk Newham und der Bezirk Casal da Boba im Großraum Lissabon ausgewählt. Diese Orte weisen Ähnlichkeiten in Bezug auf die Bevölkerung und die Geschichte auf. Zu den Merkmalen, die allen drei Orten gemeinsam sind, zählen die folgenden:

  • Junge Wohnviertel oder Gebiete mit einem hohen Anteil junger Einwohner. Unter 24-Jährige machen im 20. Pariser Bezirk 27,31 Prozent, in Newham 41 Prozent und in Casal da Boba 49 Prozent der Bevölkerung aus.
  • In der Vergangenheit haben sich in diesen Gebieten viele Migranten angesiedelt, oft um einen Mangel an Arbeitskräften zu beheben. Infolgedessen verzeichnen sie alle hohe Anteile von ethnischen Minderheiten und Migranten.
  • Alle Gebiete leiden unter schlechten sozioökonomischen Bedingungen mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigen Bildungsleistungen.
  • Schlussendlich ist es in zwei der drei Gebiete (Casal da Boba und Cité des Amandiers) zu beträchtlichen Spannungen zwischen jungen Menschen und der Polizei gekommen.

Wenngleich jeder Film Ausdruck individueller Erfahrungen ist, ließen sich einige geografische Themen ausmachen. Beispielsweise war Zugehörigkeit in Lissabon dadurch definiert, wo man lebt, in Paris dadurch, wie man lebt, und in London lag der Schwerpunkt mehr auf persönlichen Identitäten.

Die jungen Menschen erörterten wichtige Themen wie Migration und Gemeinschaft, aber auch Einsamkeit, Langeweile und wie absurd es bisweilen wirken kann, aufgefordert zu werden, ein Land zu nennen, dem man sich zugehörig fühlt. Die gemeinsame Erfahrung, die sich städteübergreifend zeigte, war ein Gefühl von Identität innerhalb jeder Gruppe, das einte, jedoch lokal und kulturell unterschiedlich war.

Einer der Teilnehmer aus London beschrieb, wie die Begegnung mit den anderen Gruppen auf dem Workshop in Paris ihm geholfen hatte, eine andere Sichtweise auf die Themen zu erhalten: „Die Portugiesen und die Franzosen hießen uns mit offenen Armen willkommen, und Sprache stellte kein Hindernis dar. … Wir fanden einen Weg, um auf andere Weise miteinander zu kommunizieren. Es war interessant, zu sehen, wie sich ihre Videos von unseren unterschieden. Wir zeigten, wie toll es ist, in London zu leben, und blendeten Verbrechen und andere negative Aspekte irgendwie aus. … Ich glaube, das zu entdecken, war der Höhepunkt der Reise, weil es meinen Gedanken eine vollkommen neue Welt eröffnete.“

Diskussionen und Botschaften sowohl aus den Filmen als auch aus dem Dialog zwischen den jungen Menschen bieten auch eine einzigartige Gelegenheit, ihre Sichtweise unter einem politischen Aspekt zu untersuchen. Die Filme werden ein wirkungsvolles Medium für die Stimme von Migranten. Sie ermöglichten es diesen jungen Menschen Ansichten zu wichtigen Themen kundzutun und ein breites Publikum aus Freunden, Institutionen, politischen Entscheidungsträgern und führenden Persönlichkeiten aus der örtlichen Gemeinschaft zu erreichen.

Erfolg

copyright © Benedict Hilliard, 2008

Die Videosammlung und der interkulturelle Dialog zum Thema Zugehörigkeit sollten für die Abschlussfeierlichkeit des Europäischen Jahrs des interkulturellen Dialogs vorliegen und gewährleisten, dass die Stimmen der Jugend Europas vertreten waren.

Das Projekt brachte Ansichten und Empfehlungen junger Menschen zu Themen wie Migration, Antirassismus und Gemeinschaftsentwicklung hervor, die als Grundlage grundsatzpolitischer Debatten verwendet werden können. Zusätzlich wurden die aus dem Projekt hervorgegangenen Inhalte verwendet, um Bildungsmaterialien für den britischen nationalen Lehrplan zu den Themen Antirassismus, Identitäten, Staatsbürgerschaft und Aufbau neuer Gemeinschaften zu entwickeln.

Die Partnerschaft zum Thema Zugehörigkeit kombinierte erfolgreich den bewährten Ansatz von Manifesta zur Ausarbeitung und Verwirklichung europäischer Projekte zu den Themen kulturelle Vielfalt, interkultureller Dialog und soziale Exklusion/Inklusion unter Verwendung von Kunst/Kultur sowie Film- und Videoproduktion mit den Erfahrungen des Runnymede Trust in Bezug auf Rassengleichheitspolitik und -forschung.

Die Filme aus dem Projekt wurden auf der Website von BBC London vorgestellt, kamen auf dem StrangerFestival in Amsterdam in die engere Wahl für die Preisverleihung und wurden bei dem von der von der Allianz der Zivilisationen der Vereinten Nationen (UN Alliance of Civilisations – UN AoC) an deren Hauptsitz in New York organisierten „Runden Tisch über die interethnische Stadt“ gezeigt. Alle Filme werden von RTP, dem nationalen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Portugal, ausgestrahlt werden.

Nachtrag: Im November 2009 qualifizierten sich sechs der Filme zum Thema Zugehörigkeit in der Erstausscheidung zu PLURAL+, dem internationalen Jugendvideowettbewerb von UN AoC. Die Finalisten werden am 18. Dezember 2009, dem Internationalen Tag der Migranten, bekannt gegeben. Wir drücken die Daumen für das Projekt BELONGING.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Untersuchen Sie alternative Formate, um Menschen zusammenzubringen oder Ihre Arbeit zu dokumentieren. Beispielsweise fördern die Videoprojekte die Zusammenarbeit und den Lernaustausch und bieten ein wirkungsvolles Medium für die Weitergabe der Stimmen von Jugendlichen und ihrer Sichtweise wichtiger Themen.
  • Seien Sie unterhaltend! Humor ist ein wichtiger Wirkstoff selbst in den ernsthaftesten Diskussionen, vor allem mit Jugendlichen.
  • Sprachbarrieren verschwinden, wenn gemeinsame Interessen gefunden und die Teilnehmer auf ein gemeinsames Ziel verpflichtet oder in ein Projekt einbezogen werden.
  • Stellen Sie sicher, dass die Stimmen der Teilnehmer von unterschiedlichen Arten von Publikum gehört werden – von der lokalen Gemeinschaft und Gruppen aus der Bevölkerung, Institutionen und politischen Entscheidungsträgern.

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Kontakt:

Marion Vargaftig
Manifesta
88, Cambridge Gardens
London, UK,
W10 6HS
+44 (0) 208 892 8504
marion(at)manifesta.org.uk
http://www.manifesta.org.uk


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