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Boston, Vereinigte Staaten

MIRA: Interessenvertretung in den Medien mit einem menschlichen Antlitz

Massachusetts Immigrant and Refugee Advocacy Coalition (MIRA)

March 24, 2011

Einzelschicksale nutzen, um eine Kommunikationskampagne auf eine andere Ebene zu verlagern

Baby Tomasa was reunited with her father after three months of separationAm 20. Mai 2007 konnten die Leser der Sonntagsbeilage der Zeitung The Washington Post ein Mitleid erregendes Foto der weinenden zweijährigen Tomasa Mendez in den Armen ihrer Mutter sehen, nachdem sie miterleben musste, wie ihr Vater von der amerikanischen Einwanderungsbehörde abgeführt worden war.

Als die Koalition für die Vertretung der Interessen von Einwanderern und Flüchtlingen von Massachusetts (MIRA) Kenntnis von einer geplanten Razzia in einer Bekleidungsfabrik in New Bedford erhielt, konnte sie eine neu entwickelte Kommunikationsstrategie einsetzen und die Berichterstattung über den Vorfall in den Medien steuern.

Die Aktion von MIRA fand genau zum richtigen Zeitpunkt statt. Die Berichterstattung erfolgte auf dem Höhepunkt einer hitzig geführten nationalen Debatte über eine Reform der amerikanischen Einwanderungsgesetze.

Waren der Vorfall und die Einflussnahme auf die Berichterstattung ein glücklicher Zufall für diejenigen, die mit Arbeitnehmern ohne Aufenthaltstitel zusammenarbeiten und ihre Interessen vertreten? Eher nicht. Es waren Teile des sorgfältig ausgearbeiteten Kommunikationsplans von MIRA, der darauf abzielte, in der öffentlichen Debatte über Einwanderung neue Akzente zu setzen.

MIRA ist eine Koalition mit mehr als 100 Mitgliedern, die sich darum bemüht, das Leben von Einwanderern und Flüchtlingen zu verbessern. Weil sie sich darauf vorbereitet hatte, indem sie Beziehungen zur örtlichen Gemeinschaft und zu den Medien knüpfte, war sie immer einen Schritt voraus und konnte sicherstellen, dass ihre Botschaft im Mittelpunkt der Berichterstattung stand.
„Normalerweise berichten rechtsgerichtete Rundfunkstationen in Massachusetts reißerisch über Aktionen gegen Einwanderer, aber MIRA konnte sie mit einem Frontalangriff zum Schweigen bringen”, erläuterte der Kommunikationskoordinator von MIRA, Shuya Ohno. „Diesmal hatten wir die Nase vorn. Wir konnten ihnen zuvorkommen und Mitleid mit den Betroffenen erwecken.”

Ohno war entschlossen, die Stimmung zu wenden. In den Monaten vor der Razzia in New Bedford konsultierte er Partnerorganisationen und begann mit der Umsetzung einer Strategie, die darauf abzielte, der Stimme von MIRA in der Einwanderungsdebatte Gehör zu verschaffen.

Er ging von der Annahme aus, dass die meisten Journalisten nicht den Wunsch hatten, Menschen zu schaden, und eine anrührende Geschichte erkennen würden, wenn man sie ihnen anbot. Er pflegte Kontakte zu Reportern und erklärte Gemeinschaftssprechern die Regeln für den Umgang mit den Medien. Er beantwortete buchstäblich jeden Anruf der Presse und wählte Personen aus den Gemeinschaften aus, deren Geschichten das Thema aus der Sicht der Betroffenen veranschaulichten. Wichtig für den Erfolg der Strategie war, das Vertrauen der Menschen aufrechtzuerhalten, für die MIRA sich einsetzte, die einzelnen politischen Themen klar voneinander zu trennen und bei der Interessenvertretung den Einzelfall nicht aus den Augen zu verlieren.

Der Geschäftsführende Direktor von MIRA, Ali Noorani, fügte hinzu: „Ich dachte daran, wie das Rote Kreuz während des tropischen Wirbelsturms Katrina das Interesse auf Einzelschicksale gelenkt hatte. Also legten wir den Schwerpunkt ebenfalls auf Einzelschicksale und nicht auf die Einwanderungspolitik.”

Die sorgfältig koordinierte und ausgefeilte Kommunikationsstrategie von MIRA verlagerte den Schwerpunkt der Einwanderungsdebatte in den Vereinigten Staaten auf die zuvor weitgehend ausgeblendete menschliche Seite des Themas. Dazu zählten die Kinder und Familien von schätzungsweise 7 Millionen Arbeitnehmern ohne Aufenthaltstitel, die von den geltenden Gesetzen betroffen waren, und ein Rückstau noch nicht bearbeiteter Einbürgerungsanträge aus drei Jahren.

MIRA trug dem Umstand Rechnung, dass Einwanderer und Gemeinschaftsgruppen, die mit der Organisation zusammenarbeiteten, häufig nicht darauf vorbereitet waren, ihre eigenen Anliegen wirksam zu vertreten. Die Organisation entwickelte deshalb Strategien mit dem Ziel, beide Gruppen dazu zu bringen, hinsichtlich der für sie wichtigen Angelegenheiten mit einer Stimme zu sprechen. Medienschulungen halfen Organisatoren zu verstehen, wie die Medien funktionieren, und ermöglichten ihnen, zu liefern, was Journalisten haben wollten. Die Familien wurden ebenfalls vorbereitet und darüber informiert, dass sie keine Fragen beantworten brauchten, wenn sie das nicht wollten. Es wurde sorgfältig darauf geachtet, die Würde der Arbeitsmigranten nicht zu verletzen und sicherzustellen, dass sie nicht ausgenutzt wurden.

Das Ergebnis war ein von Einwanderern getragener Kommunikationsplan zur Einflussnahme darauf, wie eine Geschichte sich entwickelt, welche Informationen die Öffentlichkeit erhält und wie sich diese Informationen auf die öffentliche Meinungsbildung zu den strittigen Fragen auswirken.

Eine ideale Gelegenheit

Die Razzia in New Bedford stellte eine ideale Gelegenheit dar, die Kommunikationsstrategie von MIRA einem Praxistest zu unterziehen. Die zentrale Botschaft wurde festgelegt und an die Journalisten der Massenmedien und der Medien für die Volksgruppen weitergegeben. Gemeinschaftssprecher wurden ernannt, und ihnen wurden Themen zugewiesen, zu denen sie sich äußern sollten. Innerhalb von Stunden nach der Behördenaktion konnte MIRA eine Pressekonferenz abhalten und die Folgen der Razzia aus ihrer Sicht darstellen.

Die Festnahme von 350 „illegalen Arbeitnehmern” durch Beamte der Einwanderungsbehörde wurde sofort umgedeutet als eine Maßnahme gegen „350 Mütter und Väter”. Während MIRA nach einem Aufhänger für die Berichterstattung am Folgetag suchte, trafen Berichte ein, dass von ihren Eltern getrennte Jugendliche in einer Kirche in New Bedford zusammengekommen waren. MIRA richtete deshalb in der Kirche ein „Pressezentrum” ein und verteilte Meldung mit dem Schwerpunkt auf die „Zerstörung von Einwandererfamilien”.

Das Hauptziel von MIRA bestand darin, die Gefühle der Öffentlichkeit so aufzuwühlen, dass sie die Oberhand über die von den Reformgegnern verbreitete Panikmache gewinnen würden. Ohno und seine Kollegen gingen davon aus, dass die meisten Menschen mitfühlend auf die Bilder von Müttern und weinenden Kindern reagieren würden. Deshalb wurden Menschen und die Auswirkungen auf sie in den Mittelpunkt der Botschaft von MIRA gerückt. Geschäftsführer Ali Noorani erläuterte: „Wir hatten die Kulisse mit Windeln und Nahrungsmitteln auf einem großen Sammeltisch. Wir konnten einen Gemeinschaftssprecher dazu bewegen, die Pressekonferenz abzuhalten, was die Unterstützung durch die lokale Führungsebene belegte.”

Mitlied erregende Berichterstattung

Infolge der minutiösen Überwachung und Steuerung der Aktivitäten koordinierte MIRA insgesamt 11 Pressekonferenzen und vier Großveranstaltungen in den ersten 12 Tagen nach der Razzia. Um die Unterstützung durch die Öffentlichkeit zu gewinnen, wurde das Interesse der Medien mit einer Flut neuer Blickwinkel einschließlich ausdrucksvoller Geschichten, Aussagen und Bilder wach gehalten. Artikel in den örtlichen Medien wurden von der New York Times und der Washington Post sowie populären Blogs wie Huffington Post aufgenommen. Auf der Website von MIRA wurden YouTube-Beiträge eingestellt, um Informationsflüsse zu lenken und Finanzmittel einzuwerben.

MIRA konnte ihre Beziehungen zu den Medien auch dadurch verbessern, dass sie Journalisten Zugang zu einer Datenbank mit einem wachsenden Bestand von Einzelfallgeschichten einräumte. „In ihrer Wahrnehmung wandelten wir uns von einer politischen Organisation zu Organisatoren. Man sah in uns vertrauenswürdige Veranstalter und Interessenvertreter”, sagte Noorani.
Mit Mitleid erregender Berichterstattung über die betroffenen Familien und Kinder in führenden Medien wie der New York Times und der Washington Post konnte MIRA auch die Unterstützung von Bevölkerungssegmenten wie wohlhabenden Familien in den Vorstädten gewinnen, die traditionell die Anliegen der Organisation nicht unterstützt hatten. Diese Berichterstattung zahlte sich im wahrsten Sinn des Wortes aus: in 175.000 US-Dollar an Spenden und der dringend benötigten öffentlichen Unterstützung für die Einwanderungsreform.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Der Erfolg von MIRA beruhte auf der Präsentation einer schlüssigen und überzeugenden anderen Botschaft als derjenigen, die gewöhnlich in den Medien zu finden ist. Um diese Botschaft im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu halten, stand der Organisation ein Netzwerk mediengeschulter Gemeinschaftsmitglieder zur Verfügung, die sich darüber gegenüber der Presse äußern konnten.
  • Scheuen Sie sich nicht vor anrührenden Geschichten! Die Konzentration auf Einzelschicksale gab dem Thema ein menschliches Antlitz und bewog Journalisten, über die normale politische Berichterstattung hinauszugehen.
  • Versuchen Sie, ein Lokalthema oder -ereignis mit etwas zu verknüpfen, was auf der nationalen oder internationalen Ebene geschieht. Scheuen Sie sich nicht davor, in großen Dimensionen zu denken.

Maytree