Leben

Neukölln, Germany

Stadtteilmütter gehen in Neukölln voran

Bezirksamt Neukölln

April 17, 2013

Migrantinnen werden als Mentorinnen und Integrationslotsinnen ausgebildet, um neuen Zuwandererfamilien in lokalen Gemeinschaften zu helfen.

Der Grundgedanke des preisgekrönten Programms Stadtteilmütter ist einfach: Die Menschen, die zugewanderten Müttern am besten bei der Integration in ihre neuen Gemeinschaften helfen können, sind diejenigen, die in der Vergangenheit eine ähnliche Erfahrung durchlaufen haben – andere Mütter.

Die Mütter treffen sich am Anfang informell, um miteinander Tee zu trinken. Sie sprechen über die Nöte und Herausforderungen des Alltagslebens in ihrer neuen Heimat, insbesondere in Bezug auf ihre Kinder und Familien, ihre Bildung, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden. Danach kommen sie erneut bis zu zehnmal zusammen, um konkrete Probleme und Bedürfnisse zu erörtern, und informieren sich gegenseitig darüber, welche Art von Unterstützung oder Dienstleistungen in ihrer Gemeinschaft verfügbar sind.

Mütter helfen Müttern

Der Bezirk Neukölln in Berlin verfügt über eine lange Tradition, Zuwanderer willkommen zu heißen. Heute ist fast die Hälfte der Bevölkerung des Bezirks (42 Prozent) im Ausland geboren; viele sind Zuwanderer aus der Türkei und – in der jüngeren Vergangenheit – Roma-Familien aus Rumänien und Bulgarien. Rasches Wachstum in Verbindung mit Veränderungen der Zusammensetzung der örtlichen Bevölkerung haben zu einer Reihe von Problemen geführt, zu denen auch die Isolation neu eingetroffener Gemeinschaften, Druck auf lokale Schulen und Schwierigkeiten zählen, Familien zu erreichen, die nicht immer Deutsch sprechen.

Stadtteilmütter“ begann 2004 als ein aufsuchendes Basisprojekt. Es zielte auf die Förderung des Zugangs zu Informationen und Dienstleistungen zur Unterstützung von Familien mit Kleinkindern. Stadtteilmütter mit Zuwanderungserfahrung und deutschen Sprachkenntnissen werden geschult, bevor sie losgeschickt werden, um erst vor kurzem eingetroffene Familien aufzusuchen, die häufig isoliert sind. Die neu Eingetroffenen werden ermuntert, andere Frauengruppen zu besuchen oder Kinderbetreuungseinrichtungen vor Ort zu nutzen. Der Umstand, dass diese Ratschläge von Frauen mit einem ähnlichen Hintergrund und einer ähnlichen Familienkultur geleistet werden, hilft, Vertrauen zu schaffen und die notwendige Atmosphäre, um Fragen zu stellen, Antworten zu bekommen und Veränderungen gegenüber aufgeschlossen zu werden.

Mit den Problemen vertraut, mit denen neue Zuwanderinnen konfrontiert sind, und ihnen wohlwollend gegenüberstehend, fungieren Stadtteilmütter als Multiplikatorinnen — Rettungsleinen für Zuwandererfamilien, die kommunale Dienstleistungen, Unterstützung für Kinder im schulpflichtigen Alter oder Hilfe beim Erwerb deutscher Sprachkenntnisse benötigen.

Anteil nehmen an der Schulbildung der Kinder

In Neukölln, wo an manchen Schulen Deutsch bei bis zu 85 Prozent der Schüler nicht die Erstsprache ist, ermuntern Stadtteilmütter Eltern, sich aktiv um die Integration ihrer Kinder in das deutsche Schulsystem zu kümmern, was wiederum dazu beitragen kann, die schulischen Leistungen ihrer Kinder zu verbessern.

Das Programm arbeitet eng mit Kinderbetreuungseinrichtungen vor Ort, „Elterncafes“, Jugendzentren in Schulen, der Schulverwaltung und Lehrern zusammen. Diese Partnerschaften haben zum Erfolg dieser Aktivitäten beigetragen. Bis 2009 hatten die Stadtteilmütter ihre Tätigkeit auf Familien mit Kindern bis zu sechs Jahren beschränkt. Heute gehen sie in Familien mit Kindern bis zu zwölf Jahren, und die Stadtteilmütter erhalten jetzt zusätzliche Informationen zum Grundschulbesuch und können Eltern mit Fachkräften für frühkindliche Bildung und Erziehung sowie mit Lehrern in Kontakt bringen.

Erfolg

Was damit begann, dass zwölf türkische Frauen geschult wurden, hat sich zu einem Netzwerk von mehr als 100 Stadtteilmüttern aus unterschiedlichsten Ländern entwickelt. Das Projekt wurde aufrechterhalten durch starke Partnerschaften mit verschiedenen lokalen und regionalen Stellen einschließlich des Bezirksamts Neukölln, des Jobcenters Berlin-Neukölln, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt  sowie der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales.

“Die Stadtteilmütter … sind ein lebendes … Beispiel gelebter Integrationsarbeit. … 4000 … Familien mit über 10.000 Kindern haben sich von den Stadtteilmüttern beraten und führen lassen. Hinzu kommt, dass sich die Idee leicht auf andere Bezirke und Kommunen in ganz Europa und darüber hinaus übertragen lässt.“

Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, Initiator des Projekts Stadtteilmütter

Das Projekt wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Metropolis Award (2008), dem Neuköllner Bürgerpreis sowie dem Helga und Edzard-Reuter-Stiftungspreis für besondere Leistungen auf den Gebieten der Integration und Völkerverständigung (2012). Es wurde in anderen Teilen Berlins repliziert und auch in Dänemark angepasst, wo sich eine ähnliche landesweite Initiative entwickelt hat. Es ist in Neukölln weiterhin sehr aktiv, wo einige der zuletzt hinzugekommenen Stadtteilmütter dort ansässige Roma-Frauen sind, die Neuankömmlingen aus Rumänien und Bulgarien helfen. Diese Roma-Stadtteilmütter wurden bereits geschult und kümmern sich um die Nöte dieser neuen Einwohnergruppe, was zeigt, wie dieses flexible Modell langfristig funktionieren kann.

Der wirkliche Erfolg dieses Projekts liegt in der Art und Weise, in der es Frauen auf beiden Seiten der Beziehung stärker macht. Neuankömmlinge bekommen wertvolle Ratschläge, Informationen und Selbstvertrauen, während die Stadtteilmütter Arbeit, ein Einkommen und Ansehen in der Gemeinschaft erhalten.

Auf einer übergeordneten Ebene nutzt das Projekt der Kommunalverwaltung, indem es die Interaktion von Zuwandererfamilien mit etablierten lokalen Dienstleistungsanbietern intensiviert und seine Beziehungen zu schwer erreichbaren Gemeinschaften erleichtert. Schlussendlich nutzt es dem gesamten Bezirk Neukölln, indem es zu verbesserter Integration und mehr Zusammenhalt beiträgt.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Verankern Sie Interventionen auf der Gemeinschaftsebene innerhalb der Gemeinschaft. Gemeinschaftsmitglieder mit ähnlichen früheren Erfahrungen können Glaubwürdigkeit und Vertrauen schaffen und als Paten und Rollenmodelle fungieren.
  • Ermitteln Sie individuellen Bedarf mit individualisierten Ansätzen wie Hausbesuchen und 1:1-Patenschaften.
  • Befolgen Sie das Motto: „So einfach wie möglich!“ Manchmal lassen sich komplexe Herausforderungen am besten mit einfachen, aber wirksamen Lösungen bewältigen.
  • Evaluieren Sie Ihr erfolgreiches Projekt und informieren Sie andere darüber. Prüfen Sie Möglichkeiten, es auszuweiten und wie es für neue Zielgruppen repliziert oder in neuen Kontexten angepasst werden könnte.

Maytree