Leben

Rüsselsheim, Deutschland

Älter, aber nicht übersehen: Programme für ältere Migranten entwickeln

Stadtteilwerkstatt Dicker Busch

March 24, 2011

Die Konsultation der Gemeinschaft erhöht die Teilhabe schwer zu erreichender Gruppen

Meelek träumt davon, in die Türkei zurückzukehren, und erzählt häufig von ihrem früheren Leben dort – was sie aß, den vielfältigen Kontakten in ihrer Kleinstadt an der Küste des Schwarzen Meers und ihrer Großfamilie, deren Mitglieder alle nicht weit entfernt wohnten. Meelek ist Ende 70 und lebt bereits seit 55 Jahren nicht mehr in der Türkei. Weil sie finanziell nicht gerade gut da steht, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie jemals wieder in die Türkei zurückziehen wird, wovon sie so oft spricht.

Wie viele Arbeitsmigranten ihrer Generation kamen Meelek und ihr Ehemann Ende der 1950er Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland, um dazu beizutragen, den Arbeitskräftemangel zu lindern. Eigentlich hatten sie vor, einige Jahre im Ausland zu arbeiten und dann zurückzukehren. Auch die deutsche Regierung betrachtete den Zustrom der neu eintreffenden Migranten als zeitlich befristet und entwickelte, förderte oder koordinierte deshalb nie groß angelegte Maßnahmen, um der Migrantengemeinschaft zu helfen, sich niederzulassen, sich anzupassen und sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Selbst nachdem Meelek und ihr Ehemann drei Kinder in Schulen am Ort geschickt hatten und obwohl sie in Deutschland Steuern zahlten, bestand weiterhin die Erwartung, dass ihr Aufenthalt zeitlich befristet wäre. Diese Überzeugung wurde durch das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht gestützt, dass weitgehend auf der Abstammung statt auf der Geburt oder dem Wohnort basiert. Es erschwert es Arbeitsmigranten und ihren Nachkommen folglich, die Staatsangehörigkeit zu erhalten.

Meeleks Erfahrungen sind repräsentativ für die einer großen Gruppe in Deutschland lebender Ausländer. Aktuellen Schätzungen zufolge leben in Deutschland 700.000 Migranten ab 60 Jahren. Bis 2010 dürfte ihre Zahl auf 1,3 Millionen steigen und bis 2020 auf über 2 Millionen. Dies macht Senioren mit einem Migrationshintergrund zu der am raschesten wachsenden Bevölkerungsgruppe in Deutschland.

Zahlenmäßig viele – aber übersehen
Obwohl die Zahl älterer Migranten in Deutschland und anderen Ländern so hoch ist, werden sie von Programmen, Organisationen, Regierungen und Verwaltungen zu oft nicht wahrgenommen. Weder die öffentliche Debatte über die Integration von Zuwanderern noch das bestehende Dienstleistungsangebot für Arbeitnehmer geht auf die Bedürfnisse dieser alternden Bevölkerung ein. Sie konzentrieren sich stattdessen auf junge Menschen mit einem Migrationshintergrund und auf Neuankömmlinge, die Sprachunterricht und Berufsberatung benötigen.

Statistiken zeigen, dass ältere Migranten stärker als die breite deutsche Bevölkerung von Armut, Gesundheitsproblemen und schlechten Wohnverhältnissen betroffen sind. Dies hat zur Folge, dass sowohl die Programme als auch die Ressourcen, die für ältere Migranten zur Verfügung stehen, beschränkt sind und zur Deckung ihrer Bedürfnisse oft nicht ausreichen. Aufgrund schlechten Informationsstands, fehlenden Bewusstseins bei Regierungen sowie öffentlichen Diensten und einem ererbten Misstrauen sind die Teilnahmequoten auch sehr niedrig. Diese Probleme verschärfen sich durch den Umstand, dass viele ältere Migranten angeben, trotz der vielen Jahre, die sie dort verbracht haben, keine tiefe Bindung zu ihren deutschen Wohnorten oder Gemeinschaften zu haben.

Die Stadtteilwerkstatt Dicker Busch hat eine Strategie entwickelt, um der Heimatlosigkeit der alternden im Ausland geborenen Bevölkerung entgegenzuwirken. Diese richtet sich darauf, ältere Migranten zu ermutigen, in ihren örtlichen Gemeinschaften aktiver zu werden, und auch mehr über ihre Bedürfnisse zu erfahren, um attraktivere Programme entwickeln zu können, die ihren Bedürfnissen besser Rechnung tragen.

Teilnehmende Organisationen, die Freizeitmöglichkeiten für diese Art der Einbeziehung anbieten, werden durch das Programm unterstützt. In Schulen oder Kindertagesstätten finden Aktivitäten statt, in deren Rahmen älteren Migranten ein Ort zur Verfügung gestellt wird, an dem sie sich treffen und miteinander unterhalten sowie an einer Reihe von Programmen teilnehmen können.

Diese gut koordinierte Integrationsmaßnahme bietet den Institutionen in Rüsselsheim auch eine Gelegenheit, sich selbst besser für interkulturelle Angelegenheiten zu sensibilisieren, um ihre Fähigkeit verbessern zu können, die Bedürfnisse älterer Migranten bestmöglich zu decken. Mit dem Ziel, Informationen zu sammeln und zu analysieren, die verwendet werden können, um einen stärker strategisch ausgerichteten Ansatz zur Planung von Gemeinschafts- und Sozialdiensten zu verfolgen, umfasst das Programm eine Datenerhebungs- und überwachungskomponente.

Das Programm stellt auch eine Möglichkeit für ältere Migranten dar, ihre Erfahrungen der Öffentlichkeit zugänglicher zu machen. Auf der Grundlage von Materialien des „Forums für eine kultursensible Altenhilfe“, einer freiwilligen Organisation im Bereich ältere Migranten und Arbeitnehmer, bieten die „Älteren MigrantInnen im Stadtteil-Leben“ der Stadtverwaltung Rüsselsheim Dienstleistungen für Ältere an, die deren Bedürfnissen und Präferenzen entsprechen und ihnen ein größeres Vertrauen in Bezug auf ihren Platz in der Gemeinschaft vermitteln.

Einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg dieses Programms ist der Prozess des Sammelns von Informationen. Beziehungen zu älteren Migranten entstehen durch persönlichen Kontakt und indem man sich das Vertrauen, das die Mediatoren und Institutionen in ihrer Mitte genießen, zunutze macht. Auf der Grundlage der Beziehungen, die aufgebaut wurden, und der Informationen aus erster Hand, die gesammelt wurden, ist das Projekt jetzt damit beschäftigt, die weitere Entwicklung in der nächsten Zeit zu gestalten.

Als Nächstes werden ältere Migranten in qualitativen Interviews systematisch konsultiert und über die bestehenden Angebote im Hinblick auf öffentliche Unterstützung für Ältere in Rüsselsheim informiert.

Bei diesem Prozess werden ältere Migranten ermutigt, aktiv zu werden und bei der Durchführung dieser Programmangebote mitzuwirken. Gemeinsame Anstrengungen mit Institutionen in Rüsselsheim während des gesamten Projekts werden dazu beitragen, zu gewährleisten, dass die Informationen wirksam verteilt werden und die interkulturelle Sensibilität gefördert wird.

Die Projektentwicklung ist abgeschlossen, und es soll in der Zeit von 2007 bis 2010 durchgeführt werden. Bislang wurden die Kontakte zu älteren Migranten hergestellt und ihre Bedürfnisse umfassend evaluiert. Die Vernetzung aller Beteiligten ist einer der ersten Erfolge des Projekts, denn die Akteure, Personen und Institutionen, die zuvor wenig oder gar keinen Kontakt zueinander hatte, arbeiten nun zur Durchführung dieser Programme zusammen. Die Programmdurchführung dürfte Anfang 2010 beginnen und wird anschließend Mitte des Jahres evaluiert und angepasst.

Hier geht es zur Fallstudie auf der Seite Demographie Konkret (Bertelsmann Stiftung): Rüsselsheim – Ältere Migranten im Stadtteilleben.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • In Integrationsprogrammen und von Praktikern werden ältere Neuankömmlinge und Bevölkerungsgruppen – eine Gruppe, die häufig isoliert ist oder in in sich abgeschlossenen Gemeinschaften lebt – häufig vernachlässigt. Welche Programme oder Dienstleistungen bietet Ihre Organisation an, die mit dem Ziel angepasst werden könnten, die Beteiligung älterer Zuwanderer zu erhöhen?
  • Die Entwicklung eines Programmmodells auf der Grundlage von Bedürfnissen, die bei Konsultationen der Zielgruppe ermittelt wurden, erhöht die Erfolgsaussichten. Wie und wann werden Sie bei der Planung einer Kampagne, einer Dienstleistung oder eines Programms Ihre Zielgruppe konsultieren, um die besten Strategien zur Deckung des Bedarfs der Gemeinschaft zu ermitteln?
  • Wie gut kennen Sie Ihre örtliche Gemeinschaft? Erhebt und pflegt Ihre Organisation oder Kommunalbehörde statistische Profile der Bevölkerungsgruppen in Ihrer örtlichen Gemeinschaft? Finden Sie heraus, wo diese wichtigen Informationen vorliegen, und nutzen Sie sie!

Maytree