Planen

Turin, Italien

Porta Palazzo und der Balon-Flohmarkt

Città di Torino

March 24, 2011

Partizipatorische Planung resultiert im Erfolg eines Marktes und in integrierten Stadtvierteln

An einem typischen Samstagmorgen strömen 100.000 Besucher auf den größten Freiluftmarkt in Europa rund um die Porta Palazzo. Seit mehr als 150 Jahren bietet dieser riesige Markt ein reichhaltiges Angebot an Schuhen, Bekleidung, Haushaltswaren, Spielzeugen und Nahrungsmitteln aus Italien und der ganzen Welt.

Mit über 1.000 Händlern und 700 Straßenverkäufern ist der Markt im Viertel Porta Palazzo ein Publikumsmagnet, und die sich dort bietenden Geschäftschancen haben stets neue Zuzügler angelockt. Dieser ständige Zustrom neuer kultureller Gemeinschaften macht den Markt auch zu einem urbanen Labor für kulturelle Integration. Im Jahr 2000 waren fast 20 Prozent der Menschen, die auf dem Markt arbeiteten und in seinem Umfeld wohnten, ausländischer Herkunft, verglichen mit einem Wert von 4 Prozent für die gesamte Stadt. Heute leben mehr als 45 Nationalitäten in diesem dicht besiedelten Innenstadtviertel.

Was die Gegend um die Porta Palazzo einzigartig macht, sind der Balon-Flohmarkt und seine Mischung aus angemeldeten formellen und informellen Verkäufern. Seit 1935 hatten Migranten ohne Aufenthaltstitel auf der Grundlage einer städtischen Sonderregelung das Recht, Waren auf dem Markt zu „tauschen“. 2001 wurde das Recht vorübergehend aufgehoben, woraufhin sich die relative Stabilität und Sicherheit des Viertels rasch verschlechterten, was die wirtschaftliche Vitalität des Marktes und des gesamten Viertels bedrohte.

Feindseligkeiten zwischen Marktverkäufern, die eine ordnungsgemäße Konzession erworben hatten, und Händlern ohne Konzession begannen zu eskalieren und ließen Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen entstehen. Diese Spannungen wurden durch Umwelt- und Raumordnungsprobleme in dem Gebiet weiter verschärft (pro Tag fielen auf dem Markt 15 Tonnen Abfälle an). Die Verantwortlichen in der Stadt erkannten, dass sie etwas tun mussten.

Living, not leaving
Die Stadtverwaltung von Turin gelangte zu der Feststellung, dass ein mehrdimensionaler Ansatz erforderlich war, um den vielfältigen Faktoren Rechnung zu tragen, die die soziale und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit des Marktes an der Porta Palazzo bedrohten. Glücklicherweise war sie gut vorbereitet, um rasch handeln zu können.

Seit 1998 war die Gegend um die Porta Palazzo Gegenstand einer groß angelegten Strategie für wirtschaftliche Entwicklung unter der Bezeichnung „The Gate“. Als wichtigste Aufgabe war formuliert worden, die Bewohner zu bewegen, in dem Viertel wohnen zu bleiben und in seine Zukunft zu investieren, und sie zu überzeugen, dass sie damit gleichzeitig in ihre eigene Zukunft investieren würden. Dementsprechend war der Slogan des Projekts gewählt worden: „Living, not leaving“.

Das anfänglich von der Europäischen Union finanzierte Porta-Palazzo-Projekt betrachtete die Qualität urbaner Räume als einen Anreiz für die wirtschaftliche Entwicklung und als ein Mittel zur Bekämpfung hoher Arbeitslosigkeit und Kriminalität in dem Viertel. Die Arbeitslosenquote betrug dort 12,8 Prozent, verglichen mit 6 Prozent in der Gesamtstadt, und Hindernisse beim formellen Zugang zum Arbeitsmarkt zwangen viele Zuwanderer, illegale oder informelle Arbeit anzunehmen, häufig auf dem täglichen Markt.

2002 entwickelte sich aus dem Projekt ein umfassenderes mit dem Ziel der Einrichtung einer Agentur für lokale Entwicklung, an dem sich öffentliche Institutionen sowie private Partner beteiligten und in das die Gemeinschaft umfassend einbezogen wurde.

Auf der Grundlage eines partizipatorischen Gemeinschaftsmodells sah das Projekt auch die Partizipation und die Aufwertung des Status der „irregulären“ oder nicht konzessionierten Händler vor. Diese Entscheidung war das Resultat einer Untersuchung, in der zum einen nachgewiesen wurde, dass viele der anderen sozialen sowie die Sicherheit und die Nutzung urbaner Räume betreffenden Probleme auf die Spannungen zwischen den konzessionierten und den nicht konzessionierten Verkäufern zurückzuführen waren. Sie kam jedoch auch zu der Feststellung, dass die 300 nicht konzessionierten Verkäufer einen wesentlichen Teil der lokalen Wirtschaft ausmachten.

Ergebnisse
Durch einen wohlüberlegten Prozess und das Engagement einflussreicher informeller und formeller Akteure (einschließlich des Stellvertretenden Bürgermeisters für wirtschaftliche Entwicklung und der städtischen Polizei) konnte das Projekt „Living, not leaving“ im Viertel um die Porta Palazzo erreichen, dass für die „irregulären“ Verkäufer eine neue rechtliche Kategorie geschaffen und sie fortan als „nicht gewerbsmäßige Verkäufer“ anerkannt wurden. Ihnen wurde daraufhin ein eigener Teil des Marktes zugeordnet.

Der formelle Rechtsstatus – und Rechtsschutz – führten zu einem unmittelbaren Rückgang des Chaos und der Probleme auf dem Markt, weil die Verkäufer mehr Verantwortung für die ihnen zugeteilten Flächen übernahmen.

Dies wiederum resultierte darin, dass sich auch die Händler verantwortungsbewusster verhielten und unter anderem besser mit der städtischen Polizei zusammenarbeiteten, um den überdachten Teil des Marktes besser unter Kontrolle zu halten Jeden Samstag organisierte eine abwechselnde Gruppe von Händlern einen Ordnerdienst, der den Standaufbau, den Publikumsstrom, die Entrichtung von Gebühren sowie die Straßenreinigung überwachte.

Außerdem wurde die Vereinigung VIVIBALON gegründet, ein Kollektivorgan für die Partizipation einflussreicher Akteure aus dem informellen Sektor. Die Vereinigung diente als formelles Forum, um Verkäufer und Händler (etwa 200 traten der Vereinigung bei) über kommunale Entscheidungen auf dem Laufenden zu halten. Sie fungierte auch als gemeinsame Plattform, um sich über Anliegen auszutauschen und Probleme zu erörtern, bevor sie eskalierten. Sie wurde als eine nicht gewinnorientierte öffentlich-private Partnerschaft betrieben, was für Italien ein innovatives Modell war. Es war das erste Mal, dass diese flexible Struktur zur Verwaltung und Durchführung eines Stadterneuerungsprojekts verwendet wurde.

Die Turiner Stadträtin Dr. Luisa Avedano zog die Schlussfolgerung, das Projekt habe „gezeigt, dass man sich die Zeit nehmen muss, einen neuen Prozess Schritt für Schritt zu entwickeln. Wichtig ist auch, dass die Akteure ein starkes gemeinsames Interesse verfolgen und dass die öffentlichen Institutionen bereit sind, partizipatorische Ansätze zu entwickeln.“

Im Endergebnis resultierte diese Initiative in einer integrierten Kultur der Achtung und der Gleichstellung von Marktverkäufern sowie in einem neu belebten Stadtviertel, das wieder Touristen und Besucher aus anderen Stadtteilen anzieht, den Händlern Umsätze beschert, dem Markt eine positive Identität verschafft – und das wieder in das Stadtgefüge von Turin eingebunden ist.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Stellen Sie sicher, dass soziale Inklusion und Integration bei allen Aspekten wirksamer Unternehmensentwicklung und Projektplanung berücksichtigt werden.
  • Überprüfen Sie in Kooperationspartnerschaften alle möglichen Institutionen, die zu Ihrem Erfolg beitragen könnten – und vergessen Sie nicht Akteure, an die man vielleicht nicht sofort denken würde.
  • Garantieren Sie den chancengleichen Zugang zu Dienstleistungen: Dies war eines der wichtigsten grundsatzpolitischen Handlungskonzepte in der Stadterneuerungsstrategie der Stadtverwaltung von Turin im Viertel an der Porta Palazzo und eine Voraussetzung für ihren Erfolg.
  • Ein partizipatorischer Ansatz hat häufig einen Domino-Effekt – Erfolg in einem Bereich überträgt sich auf andere wichtige Anliegen.

Maytree