Leben

Erfurt , Germany

Fremde werden Freunde

April 22, 2013

Durch Kontakte zwischen internationalen Studierenden und Einheimischen eine Atmosphäre entstehen lassen, in der Fremde willkommen geheißen werden

Internationale Studierende gelten zunehmend als ein wichtiger Aspekt der Agenda für urbane Prosperität. Sie sind potenzielle Zuwanderer und Beschäftigte in alternden Gesellschaften, bieten zukünftigen Zugang zu globalen Märkten und interkulturellen Kompetenzen und können dazu beitragen, dass eine Gemeinschaft sich öffnet und Teil einer inklusiven und vielfältigen Gesellschaft wird.

2002 erkannte die Stadtverwaltung von Erfurt südwestlich von Leipzig, dass die internationalen Studierenden in der Stadt einen Wachstumsmotor darstellen und sie diesem Umstand Rechnung tragen sollte. Im Jahrzehnt davor war die Neugründung der Universität Erfurt erfolgt, und vor dem Hintergrund der deutschen Wiedervereinigung entstanden neue Chancen für die lokale Entwicklung. Als immer mehr internationale Studierende aus der ganzen Welt an die Hochschule kamen, begann man sich darüber im Klaren zu werden, dass ein hoher Wert damit verbunden war, in einer immer mobileren Welt ein geschätztes Ziel zu sein. Mit dem Ziel, den Ruf der Stadt als eine freundliche und tolerante regionale Kapitale zu festigen, begannen die Stadtverwaltung, die Universität Erfurt und die Fachhochschule Erfurt ein Projekt zur Förderung von Offenheit und einer Willkommenskultur.

Das Ergebnis war Fremde werden Freunde. Das Programm stellt Kontakte zwischen internationalen Studierenden und Einheimischen, Hochschulen und Unternehmen her, um Neuankömmlingen zu helfen, sich willkommen zu fühlen, stärkt das zivilgesellschaftliche Engagement in der Stadt und eröffnet kulturelle Horizonte.

Angeregt von einem ähnlichen Programm in Frankfurt passte Erfurt „Fremde werden Freunde“ an die Umstände in einer Kommune an, die mit Themen im Umfeld von Vielfalt und Integration noch wenige Erfahrungen hatte. „Die Erfurter sollten erkennen, dass wir am Anfang einer Entwicklung stehen, die uns zu einer kosmopolitischen Stadt machen wird“, sagte Projektleiterin Petra Eweleit.

Erfurt ist auf einem guten Weg dorthin. Heute hat die Landeshauptstadt von Thüringen 206.000 Einwohner, von denen 3,7 Prozent im Ausland geboren wurden. Die Zahl der internationalen Studierenden ist von zehn pro Jahr auf 200 pro Semester oder etwa 500 Ansässige pro Jahr gestiegen. Sie kommen aus Ländern wie China, Indonesien oder Serbien.

Eine Willkommenskultur

Eweleit erinnert sich an die Diskussionen während der Projektdurchführung: „Wir mussten etwas unternehmen, um die internationalen Studierenden in unseren Alltag zu integrieren. Wir wollten den internationalen Studierenden zeigen, dass die Erfurter sie herzlich willkommen heißen. Wir wollten, dass sie in diese Stadt kommen, um hier zu leben.“ Die Organisatoren erkannten auch, dass sie die einheimische Bevölkerung einbinden mussten. Eweleit sagte: „Wir wollten, dass die Einwohner der Stadt aufgeschlossener und sensibler werden und dass sie eine Willkommenskultur entstehen lassen.“

Um die zwei Zielgruppen – internationale Studierende in der Hochschulausbildung und langjährig ansässige Einheimische – zu erreichen, war ein zweigleisiger Ansatz notwendig. Ein wichtiger Teil des Projekts war die Entwicklung eines Netzwerks von Einheimischen, die sich bereit erklärten, für Studenten als Paten zu fungieren und an einem interkulturellen Austausch mitzuwirken, der sowohl für die Besucher als auch für die Stadt bereichernd sein sollte. Die „Willkommensbotschafter“ – Familien, Alleinstehende, Rentner und junge Menschen – stammten aus allen Teilen der Gesellschaft und umfassten Politiker, Unternehmer und Mitglieder lokaler Vereine. Die Rekrutierungsaktivitäten erstreckten sich auf die ganze Stadt: Vorträge in Betrieben und bei öffentlichen Stellen, Besuche bei Gemeinschaftsorganisationen sowie eine Werbekampagne unter Einbeziehung von Zeitungen, Rundfunkinterviews und eine eigene Website.

Zu den Programmaktivitäten zählen eine Willkommensveranstaltung im Rathaus, auf der die ausländischen Studenten ihre Paten kennenlernen, Gruppenausflüge, um Beziehungen zu festigen, regelmäßige monatliche Treffen und Seminare zu Themen wie „interkultureller Kompetenz“ oder der Geschichte und der Kulturgeografie bestimmter Länder. Der Pate und sein Schützling können gemeinsam Kultur- oder Sportveranstaltungen besuchen oder Spaziergänge in der Stadt unternehmen. Studenten werden von Paten auch zur Teilnahme an Familienfeiern eingeladen. Die Paten helfen den Studenten bei Arztbesuchen und Verwaltungsangelegenheiten. Die Studenten haben die Möglichkeit, Deutsch zu lernen und etwas über das Alltagsleben in Deutschland zu erfahren.

Kontakte zur Wirtschaft

Das Programm ist entschlossen, neue und innovative Wege zur Vertiefung der Qualität und der Nachhaltigkeit seiner Integrationsbemühungen zu erschließen. Eine solche Strategie ist die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft.

Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und wachsender globaler Konkurrenz fand das Anliegen der Integration der Studenten in die Wirtschaft der Stadt rasch die Unterstützung lokaler Unternehmer. 2006 wurde das Programm auf die Beteiligung lokaler Firmen ausgeweitet. Mit Unterstützung der örtlichen Handelskammer, des Thüringer Instituts für Akademische Weiterbildung e.V. und anderer Projektpartner stellen Unternehmen Paten, bieten Praktika an und laden Studenten zu Betriebsbesichtigungen, Stellenbörsen und Wirtschaftsveranstaltungen ein. Die Studenten gewinnen wertvolle Arbeitserfahrung in Deutschland, und lokale Firmen erhalten Zugang zu talentierten jungen Menschen mit fachlichen und interkulturellen Kompetenzen sowie Sprachkenntnissen und vielleicht sogar Kontakten zu Märkten im Ausland. Es ist eine Situation, von der alle Seiten nur Vorteile haben.

Erfolg

„Ich bin eine andere Person geworden, eine Weltbürgerin. Ich liebe dich, Erfurt. Auch wenn ich jetzt in mein Heimatland zurückkehre, wird Erfurt immer mein zweites Zuhause bleiben.“ Sari A.M. (Indonesien), 2004

„Fremde werden Freunde“ besteht mittlerweile seit mehr als zehn Jahren. Das Programm begann im November 2002 mit 46 Paten und Studenten aus neun Ländern und hat bis heute etwa 1.200 Studenten aus 85 Nationen vermittelt, ungefähr 200 pro Semester. Man weiß, dass Ehemalige Kontakt halten und sich sogar gegenseitig zur Hochzeit einladen. Der Erfolg des Projekts zeugt von der guten Zusammenarbeit der Partner, der Universität Erfurt, der Fachhochschule Erfurt, dem Stadtrat von Erfurt und des Thüringer Instituts für Akademische Weiterbildung e.V., die gemeinsam die Stelle der Projektleiterin finanzieren.

2006 und 2007 wurde das Projekt für sein „ideenreiches und wirkungsvolles ziviles Engagement“ ausgezeichnet, und 2010 erhielt das Projekt den Preis des Auswärtigen Amtes für exzellente Betreuung ausländischer Studierender. Sein Erfolg bei der Entwicklung einer Willkommenskultur – Neuankömmlingen bei der Integration zu helfen, den sozialen Zusammenhalt zu verbessern, interkulturelles Bewusstsein zu fördern, Vorurteile zu zerstreuen und Offenheit zu schaffen – hat Vertreter anderer deutscher Hochschulen bewogen, nach Erfurt zu kommen, um sich Orientierungshilfe dafür zu holen, eigene Projekte unter dem Motto „Fremde werden Freunde“ zu starten.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Der Erfolg von Patenschaften hängt von der Qualität und dem Engagement aller Parteien ab. Wenn Sie ein Patennetzwerk in Ihrer Kommune aufbauen möchten, sollten Sie Kontakt zu so vielen Organisationen und Unternehmen wie möglich aufnehmen.
  • Für interkulturellen Austausch gibt es kein Patentrezept. Es ist ein wechselseitiger Dialog zwischen einem Paten und einem ausländischen Studenten, der unter anderem umfasst, gemeinsame Interessen und Möglichkeiten für geteilte Erfahrungen auszuloten, beispielsweise in den Bereichen Sport, Kunst oder Essen.
  • Berichten Sie über Ihre Erfolge und ermuntern Sie andere, sich zu beteiligen. Eine Werbekampagne kann die Vorteile eines Projekts für die gesamte Kommune vermitteln und gleichzeitig das Interesse weiterer Studenten, Paten und Partner aus der Gemeinschaft wecken.
 

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