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London, Vereinigtes Königreich

Die Kampagne für einen existenzsichernden Lohn

LONDON CITIZENS

March 24, 2011

Die Stadtverwaltung von London schließt sich einer erfolgreichen Gemeinschaftskampagne zur Verbesserung der Löhne im Zentrum von London und zur Überwachung der Beschäftigungspraxis an.

Kasia arbeitet zehn Stunden täglich als Zimmerfrau in einem der führenden Hotels im Londoner Theaterviertel, dem so genannten West End. Die Zimmerpreise in diesem Nobelhotel reichen bis zu 640 britischen Pfund (730 Euro) pro Nacht, und eine Tasse Filterkaffee kostet 6,50 britische Pfund (7,40 Euro). Kasia versucht, mit dem nationalen Mindestlohn von 5,52 britischen Pfund pro Stunde in einer der teuersten Großstädte auf der Welt über die Runden zu kommen.

Davon gehen dann noch die Beiträge für die staatliche Sozialversicherung und die Steuern ab. Wie 94 Prozent der Arbeitsmigranten zahlt Kasia Steuern und Sozialversicherungsbeiträge auf ihren Lohn und nimmt keine Leistungen in Anspruch (beispielsweise Steuergutschriften für einkommensschwache Familien, Kindergeld usw.).

Wie viele Arbeitnehmer im Dienstleistungssektor einschließlich Reinigungs- und Wachpersonal sowie Personal im Hotel- und Gaststättengewerbe ist Kasia von niedrigem Lohn und schwierigen, bisweilen ausbeuterischen Arbeitsbedingungen betroffen. Schätzungsweise stecken allein in der Londoner City etwa 400.000 Erwerbstätige in dieser Armutsfalle.

Seit November 2005 hat sich eine vielfältige Allianz von aktiven Bürgern und Gemeinschaftsvertretern aus der City zu der Kampagne für einen existenzsichernden Lohn (London Living Wage Campaign) zusammengefunden, um Druck auf die Arbeitgeber dahingehend auszuüben, zu beginnen, allen ihren Beschäftigten einen existenzsichernden Lohn zu zahlen und um Verbraucher zu ermutigen, Unternehmen zu unterstützen, die dies tun.

Unter der Federführung der Bürgerinitiative „Ostlondoner Gemeinschaftsorganisation“ (TELCO, jetzt London Citizens) gewann die Koalition die Unterstützung von mehr als 80 unterschiedlichen Parteien wie von Glaubensgemeinschaften getragenen Gruppen, Schulen, Schüler- und Studentenorganisationen, Gewerkschaftsvertretungen, Einwohnergruppen, Regierung, Verbrauchern und Unternehmen.

Was ist ein existenzsichernder Lohn?

Mit dem Begriff „existenzsichernder Lohn“ wird im Gegensatz zum gesetzlichen Mindestlohn der Betrag beschrieben, der einem Arbeitnehmer gezahlt werden muss, um diesem und seiner Familie einen menschenwürdigen Lebensstandard zu gewährleisten.

In London beträgt der existenzsichernde Lohn derzeit 7,45 britische Pfund pro Stunde und liegt damit fast 35 Prozent über dem von der Regierung festgelegten nationalen Mindestlohn.

Als Teil der Kampagne für den existenzsichernden Lohn veröffentlichte die Bürgerinitiative London Citizens gemeinsam mit UNISON und der Queen Mary University einen Bericht mit dem Titel Making the City Work: Low Paid Emplyoment in London, in dem die Art der Arbeitgeber und ihre Rolle bei der Zunahme der Zahl der Leiharbeiter in der Niedriglohnwirtschaft untersucht wurde. Leiharbeit ermöglicht Arbeitgebern und Markenunternehmen, Kosten einzusparen und sich gleichzeitig von den Bedingungen ihrer eigenen Niedriglohnempfänger zu distanzieren. Beispielsweise arbeitet Margots Freundin Kasia in einem Hotel auf der anderen Straßenseite, wo sie keinen Stundenlohn erhält, sondern pro gereinigtes Zimmer bezahlt wird – zu dem erschreckenden Satz von 2,65 britischen Pfund für ein Zimmer.

Die Untersuchung ergab auch, dass von den stichprobenartig ausgewählten Niedriglohnempfängern 90 Prozent Migranten wie Margot und Kasia waren und mehr als die Hälfte Neuankömmlinge waren, die erst in den letzten fünf Jahren nach Großbritannien gekommen waren.

Mehr als 90 Prozent des Reinigungspersonals, der Arbeitnehmer in der Gastronomie und der häuslichen Pflegekräfte waren Migranten, die im Durchschnitt einen Stundenlohn von 5,45 britischen Pfund hatten, was einem durchschnittlichen Jahresverdienst von 10.200 britischen Pfund vor Steuern und Sozialversicherungsabgaben entspricht. Dies ist weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Jahresverdiensts von 22.411 britischen Pfund in Großbritannien insgesamt und weniger als ein Drittel des Durchschnittsverdienstes in London (30.984 britische Pfund)

Im Gegensatz zu der falschen Vorstellung, dass Arbeitsmigranten alleinstehend sind, lebten die meisten der für die Untersuchung Befragten mit anderen Familienmitgliedern – Partnern, Eltern oder Kindern – zusammen. Ein Drittel musste für minderjährige Kinder (unter 16-Jährige) sorgen, die in Großbritannien lebten. Ein Drittel hatte auch abhängige Angehörige in einem anderen Land, und zwei Drittel schickten regelmäßig Geld ins Ausland.

Vorteile für alle Seiten…

Nach Angaben von KPMG verringerte sich die Fluktuation des Reinigungspersonals um 50 Prozent, nachdem das Unternehmen begonnen hatte, existenzsichernden Lohn zu zahlen. Eine neuere Erhebung ergab zudem, dass bessere Beschäftigungsbedingungen die Motivation der Arbeitnehmer stärken. „Ich wachte ständig nachts auf, und mir wurde schlecht, wenn ich an die Arbeit dachte“, sagte eine Reinigungskraft. „Jetzt, nachdem die Bezahlung besser ist, bin ich stolz darauf, im Krankenhaus zu arbeiten.“

Im Januar 2009 hat sich die Stadtverwaltung verpflichtet, sicherzustellen, dass nur diejenigen Unternehmen Zuschüsse, Vergünstigungen und Mittel erhalten, die als existenzsichernden Lohn zahlende Arbeitgeber akkreditiert sind. Das Bürgermeisteramt bemüht sich jetzt gemeinsam mit der Bürgerinitiative London Citizens, zu gewährleisten, dass das Londoner Hotel- und Gaststättengewerbe bis zu den Olympischen Spielen 2012 existenzsichernden Lohn zahlt und dass „Visit London“ und andere Touristikunternehmen nur Hotels und Restaurants empfehlen, die als Arbeitgeber und Örtlichkeiten akkreditiert sind, die existenzsichernden Lohn zahlen.

Unterstützung gewinnen…

Die Kampagne für einen existenzsichernden Lohn hat sich äußerst erfolgreich um die Unterstützung der breiten Öffentlichkeit für die unsichtbaren Arbeitnehmer bemüht, die dafür sorgen, dass London als Großstadt funktioniert, denen die Normalbürger aber nur selten begegnen oder Anerkennung zollen. Gemeinschaftsmitgliedern zu helfen, effektive Kampagnenführer und Sprecher zu werden, war einer der Grundsteine des Erfolgs der Kampagne von London Citizens. Die Bürgerinitiative bietet Ausbildung in Kampagnenführung und im Umgang mit den Medien, um die Qualifikationen zu vermitteln, die man braucht, um eine wirksame Kampagne unabhängig davon durchzuführen, ob die Unterstützer noch keine Erfahrung mit der Gemeinschaftsorganisierung haben oder sich seit vielen Jahren damit auskennen.

Die große Diversität der Kampagnenunterstützer hat dazu geführt, dass das Anliegen in Debatten über Armutsbekämpfung und soziale Ausgrenzung einfloss und sogar eine Rolle im letzten Wahlkampf um das Amt des Bürgermeisters von London spielte.

Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson sagte: „Es gibt zu viel Armut und Benachteiligung, und ein Weg, um das Wahlversprechen einzuhalten, etwas dagegen zu tun, ist, den existenzsichernden Lohn in London anzuheben und die Zusage zu verstärken, sicherzustellen, dass alle direkt Beschäftigten und alle Arbeitnehmer bei Auftragnehmern der GLA-Gruppe [bestehend aus Regierungsbehörde, Transportwesen, Stadtentwicklung, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten] mindestens 7,45 britische Pfund pro Stunde erhalten. Ich möchte, dass das Bürgermeisteramt mit gutem Beispiel vorangeht, indem es gewährleistet, dass sein Personal in einer der teuersten Großstädte auf der Welt einen menschenwürdigen Lebensstandard aufrechterhalten kann. Deshalb habe ich gegenüber allen Teilen der Gruppe klar gestellt, dass ich erwarte, dass der existenzsichernde Lohn als die Grundnorm gilt.“

Bislang haben 27 Behörden und Unternehmen einschließlich der GLA Group sich zur Zahlung des existenzsichernden Lohns verpflichtet, ebenso die Polizeibehörde, Barclays Bank, KPMG und PriceWaterhouseCoopers.

Ein Vermächtnis der Kampagne für einen existenzsichernden Lohn in London ist die jährliche Prämierung eines Arbeitgebers mit dem Living Wage Employer Award. Sie trägt dazu bei, dass die öffentliche Unterstützung für dieses Anliegen fortbesteht, indem sie anerkennt, was gute Arbeitgeber tun, um allen Arbeitnehmern einen menschenwürdigen Lebensstandard zu ermöglichen.

London Citizens ist eine unabhängige gemeinnützige Organisation, die seit zehn Jahren für Veränderungen und soziale Gerechtigkeit mobil macht. Ihre beeindruckende Kampagnenbilanz umfasst jüngste Erfolge bei den Bemühungen um ethische Garantien für die Olympischen Spiele 2012, der Kampagne für einen existenzsichernden Lohn und einer Untersuchungskommission für die Leistungserbringung der Direktion Zuwanderung und Staatsangehörigkeit im Lunar House (England). London Citizens kooperiert mit der Citizen Organising Foundation (COF), einer eingetragenen gemeinnützigen Organisation, die sich den Aufbau eines Netzwerks kompetenter, informierter und organisierter Bürger zum Ziel gesetzt hat, die im öffentlichen Leben ihrer Gemeinschaften verantwortungsvoll handeln und zugunsten des Allgemeinwohls Einfluss auf Entscheidungen mit Auswirkungen auf ihre Gemeinschaften nehmen können.

Ausgewählte Bibliotheksressourcen zu dieser guten Integrationsidee finden Sie im Kasten auf der rechten Seite.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Gehen Sie über die üblichen Zielgruppen hinaus! Damit eine Kampagne wirkungsvoll und erfolgreich ist, müssen Sie so viele neue Gruppen und Unterstützer wie möglich dafür gewinnen und die Medienreichweite voll ausschöpfen, die Sie dadurch erhalten.
  • Medienaufmerksamkeit kommt nicht von selbst. Sie auf sich zu ziehen, setzt Wissen über die Medienbranche, sorgfältig geplante und durchgeführte Kommunikation sowie koordinierte Anstrengungen zur Formulierung strategischer Botschaften voraus.
  • Kümmern Sie sich um die Fakten! Gute Recherche und zwingende Belege machen es einfacher, ein überzeugendes Bild zu zeichnen, das Ihnen helfen kann, die breite Unterstützung zu gewinnen, die Sie benötigen.

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