Leben

Seattle, Vereinigte Staaten

Vorbildlicher Umgang mit Vielfalt in der Gesundheitsversorgung

Harborview Medical Center

February 15, 2012

Der Abbau kultureller Hindernisse hilft Patienten und Leistungserbringern, die Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Harborview-Kontaktbüro

Sei es bei der Diabetesbehandlung oder der pränatalen Beratung – kulturell sensitive Materialien und Mittlerdienste können in der Gesundheitsversorgung genauso wichtig sein, wie die Sprache des Patienten zu sprechen. Im Harborview Medical Center verändert die Erkenntnis, dass dem so ist, die Gesundheitsergebnisse von Patienten, die sich neu in Seattle niedergelassen haben.

„Kambodschaner machen sich im Allgemeinen keine große Gedanken über Krankheitsprävention“, sagte Jennifer Huong, eine Mittlerin für kambodschanische Kultur, die die kambodschanische Gemeinschaft betreut. „Sie gehen normalerweise erst dann ins Krankenhaus, wenn sie krank sind“, sagte sie zu ihrer Tätigkeit zugunsten von im Großraum Seattle im Bundesstaat Washington neu eingetroffenen kambodschanischen Müttern.

Im Rahmen des Programms für kulturelle Minderheiten des Harborview Medical Center erörtert Jennifer Themen wie die Verwendung eines Thermometers oder die Verabreichung von Ibuprofen, um hohes Fieber bei Kindern (und einen unnötigen Besuch in der örtlichen Notaufnahme) zu verhindern.

Das Programm für kulturelle Minderheiten ist nur eines der Programme, die das Harborview Medical Center entwickelt hat, um dem sich wandelnden Bedarf der Patienten, die in das Krankenhaus kommen, Rechnung zu tragen.

Ein ganzheitlicher Ansatz

Das Harborview Medical Center in Seattle ist für die 1,6 Millionen Einwohner von King County, einer Gebietskörperschaft der Metropolregion Seattle im amerikanischen Bundesstaat Washington zuständig. Sie verzeichnet eine zunehmende Zahl von Neueinwanderern in die Vereinigten Staaten: 2006 sprachen mehr als 20 Prozent der Bevölkerung zu Hause nicht Englisch.

Die Bevölkerungsverschiebungen bewogen das Harborview Medical Center Kapazität für Dolmetschleistungen in mehr als 80 Sprachen und Dialekten zu entwickeln. 2009 konnte das Krankenhaus bei 115.000 Patientenbesuchen Personen helfen, die nicht Englisch sprachen. Darüber hinaus entsendet das Krankenhaus im Rahmen des Programms für aufsuchende Gemeinschaftsarbeit speziell geschulte bikulturelle und bilinguale Fallbearbeiter mit einem breiten Dienstleistungsangebot in die Gemeinschaft, zu dem Dolmetschen, Kulturmittlung, Fallmanagement, Überzeugungsarbeit, Folgemaßnahmen, Unterstützung bei der Suche nach Unterricht für Englisch als Zweitsprache und in Bürgerschaftskunde, Koordinierung der Patientenversorgung, Vermittlung von Gesundheitskompetenz und Hausbesuche umfasst. Für diese Leistungen gibt es Mittler in sechs Sprachen außer Englisch: Spanisch, Somalisch, Vietnamesisch, Kambodschanisch und zwei Sprachen aus Äthiopien, Tigrinisch und Amharisch. Patienteninformationen zu einer Reihe von Krankheiten sind vor Ort ebenfalls in diesen Sprachen verfügbar. Das Angebot wird von der Gemeinschaft nach wie vor stark in Anspruch genommen: Jedes Jahr helfen die Fallbearbeiter bei Hausbesuchen mehr als 850 Kunden aus den verschiedenen kulturellen Gruppen, die in der Gemeinschaft vertreten sind.

Dolmetschleistungen im Harborview Medical Center

Um Informationen über Kultur, Sprache, Gesundheit, Krankheiten und Gemeinschaftsressourcen für die Erbringer von Gesundheitsleistungen unmittelbar zugänglich zu machen, die Kontakt mit Patienten aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen haben, entwickelte die Abteilung für aufsuchende Gemeinschaftsarbeit auch eine über das Internet zugängliche Datenbank mit der Bezeichnung EthnoMed, die von Erbringern von Gesundheitsleistungen in Praxen unmittelbar vor dem Gespräch mit einem Patienten in der Praxis genutzt werden soll. Beispielsweise kann ein Arzt oder eine Krankenschwester vor dem Besuch eines kambodschanischen Patienten mit Asthma die Datenbank aufrufen, um nachzuschauen, wie Asthma übersetzt wird und ob es in der kambodschanischen Gemeinschaft kulturelle Aspekte oder spezielle Verständnisschwierigkeiten gibt, welche die Behandlung erschweren könnten. EthnoMed ist eine offene öffentliche Ressource, die für die Gemeinschaft und landesweit frei zugänglich ist.

Eine wechselseitige Beziehung

Fallbearbeiter und -bearbeiterinnen wie Jennifer, die in ausgewählten kulturellen Gemeinschaften tätig sind, geben dem Krankenhauspersonal auch Rückmeldungen über die Normen und Traditionen ihrer Patienten, was wiederum hilft, ihre Behandlungsmöglichkeiten zu verbessern.

Laut Martine Pierre-Louis, der Leiterin der Abteilung für aufsuchende Gemeinschaftsarbeit geht es nicht darum, Personen aus anderen Ländern die westliche Kultur aufzuzwingen, sondern den besten Weg zu finden, um sicherzustellen, dass der Bedarf der Patienten gedeckt wird. „Das Programm ist ein Ort, an dem sich das Wissen beider Gemeinschaften [unserer und ihrer] kreuzen. Behandlungspläne werden ausgehandelt, damit sie von Gemeinschaftsmitgliedern nicht nur akzeptiert, sondern begrüßt werden“, sagte Pierre-Louise, „und das erreicht man nur, wenn man die Gemeinschaft kennt“.

Beispielsweise können kulturell bedingte Auffassungen von „persönlicher Unabhängigkeit“ einen Einfluss auf Behandlungsempfehlungen haben. „Einem somalischen Mann mit Rückenschmerzen zu gestatten, im Bett zu bleiben, ist ein Zeichen von Respekt“, sagte Pierre-Louise. „Die Verwandten sagen ‚Ja, er ist auf uns angewiesen‘. Ihn zu zwingen, aufzustehen und herumzulaufen, wäre unhöflich und respektlos.“ Die Herausforderungen und die Lösungen für das Gesundheitspersonal ergeben sich daraus, dies zu verstehen und dann ein anderes Motiv für die Heilung zu finden, das die Familie dazu bringt, die vorgeschlagene Behandlung zu unterstützen.

Erfolg

Die examinierte Krankenschwester Johnese Spisso ist kommissarische Geschäftsführerin des Harborview Medical Center und Stellvertretende Beauftragte für medizinische Angelegenheiten an der Universität des Bundesstaats Washington. Sie beschreibt es folgendermaßen: „Wir müssen mit den Patienten, den Familien, den Gemeinschaften sowie anderen Anbietern im Gesundheitswesen und Behörden zusammenarbeiten, damit besonders schutzbedürftige Gruppen die Versorgung erhalten, die sie brauchen. … Wir müssen auf sie zugehen sowie Mittel und Wege finden, das Gesundheitsverhalten zu beeinflussen.“

Die Entschlossenheit des Harborview Medical Center dazu, diese Barrieren zu überwinden, spiegelt sich in den 3,7 Millionen US-Dollar wider, die es jedes Jahr in das Programm für Gesundheitsförderung auf Gemeinschaftsebene und Dolmetschdienste investiert.

2007 wurde das Harborview-Krankenhaus für seinen engagierten Ansatz zur Gesundheitsversorgung auf Gemeinschaftsebene mit dem Foster G. McGaw Prize for Excellence in Community Service ausgezeichnet. Der mit 100.000 US-Dollar dotierte Preis wird von der American Hospital Foundation, der Baxter International Foundation und der Cardinal Health Foundation vergeben. Er wird seit 1986 als Anerkennung an Krankenhäuser vergeben, die „sich durch besondere Bemühungen mit dem Ziel ausgezeichnet haben, die Gesundheit und das Wohlergehen aller in ihren Gemeinschaften zu verbessern“.

Damit das auch bei Ihnen funktioniert:

  • Erfolgreiche aufsuchende Programme bauen auf sorgfältig kultivierten Beziehungen auf.
  • Der wichtigste Faktor bei der Entwicklung aufsuchender Programme mit unterversorgten Gemeinschaften und für sie ist, ein Fundament von gegenseitigem Respekt und Vertrauen zu errichten.
  • Erfolgreiche Gesundheitsförderung bedeutet, mit Patienten, Großfamilien, Gemeinschaftsorganisationen und anderen Gruppen zusammenzuarbeiten, um kulturelle Unterschiede und sprachliche Hürden zu überwinden.
  • Die Zielgruppe muss an der Programmgestaltung beteiligt werden.
  • Kulturelle Kompetenz zu erwerben, umfasst auch, sich Zeit zu nehmen, um sicherzustellen, dass sich die eigene Kultur Ihrer Institution adäquat anpasst.

Maytree